Das Boot schwankt. Es schwankt und rollt, auf und ab, auf und ab. Es
hört nie auf. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon auf dem Meer
treiben. Vor ein paar Tagen gab der Motor seinen Geist auf. Die
ersten Minuten, nachdem die Maschine abgestorben ist, kam leichte
Panik auf, Unruhe, während der Bootsführer fluchend versuchte, das
Ding wieder anzuwerfen. Nach einer Stunde gab er erst mal auf. In den
nächsten zwei Tagen versuchte er es immer wieder, wobei weder
Werkzeug noch Fachkenntnisse an Bord waren, die uns weiterhelfen
konnten. Jetzt treiben wir, fast schon eine kleine Ewigkeit.
Die
Abfahrt. Als ich zusammen mit meiner Frau und unserem kleinen
Sohn mitten in der Nacht am Strand ankam und mit den anderen von dem
uralten Laster stieg, der uns die letzten Kilometer unseres langen
Weges durch die Wüste dorthin brachte, wusste ich nicht, wie klein
das Boot und wie riesig das Meer war. Weder meine Familie noch ich
wussten überhaupt, was „Meer“ bedeutete. In unserer Heimat gab
es kein Meer. Wassertümpel und ein kleiner Fluss, der über das Jahr
manchmal austrocknete, waren die einzigen Gewässer, die wir kannten.
Nun standen wir am Strand, es war kalt und der Wind trug die
Feuchtigkeit von den Wellenkämmen in unsere dürftige Kleidung, die
in den Monaten, die wir nun schon unterwegs waren, immer
fadenscheiniger geworden ist. Doch dort drüben, irgendwo hinter dem
Horizont, da wartete das Paradies für mein Kind und meine Frau. Das
Paradies, von dem die Männer erzählten. Von dem Land Europa, in dem
alle genug zu essen und zu trinken hatten. In dem soviel Geld
verdient werden konnte, das die Schulden bei der Familie zu Hause
beglichen und darüber hinaus geholfen werden konnte. Ich träumte
davon, meinem Vater so viel Geld zu schicken, das er ein richtiges
Haus aus Ziegeln davon baute. Ich sah mich schon als Sohn, der in
einem großen Wagen zurückkehrte, mit Geschenken für die Kinder des
Dorfes, meine schöne Frau und mein Sohn an meiner Seite.
Mir
ist schlecht. Meine Frau verträgt das ewige Geschaukel besser.
Unser Kind sitzt schon seit Tagen mit gesenktem Kopf da. Er hat
Fieber und kann sich nicht hinlegen. Es gibt noch nicht einmal eine
Decke, die ich ihm geben könnte, um ihn zu wärmen. Immerhin sorgt
die drangvolle Enge dafür, dass durch die Körperwärme der anderen
die beißende Kälte des Seewindes, der niemals schläft, nicht so
stark an unseren Kräften zehrt. Wir haben Hunger, aber was noch
schlimmer ist, es ist kaum noch Trinkwasser da. Jedem von uns klebt
die Zunge am Gaumen und das Schlucken ist eine mühsame Qual. Wie
groß ist die Versuchung, einfach über den Bootsrand zu greifen, um
etwas Meerwasser zu trinken. Doch die anderen, die mehr Erfahrung mit
dem Meer haben, warnten uns eindringlich, davon zu trinken. Ein
Fischer erzählte, wie er schon einmal in die Lage kam, dass er und
seine Kollegen auf dem Meer trieben und kein Frischwasser mehr
hatten. Er erzählte, wie sein Freund es nicht mehr aushielt und
gierig das Meerwasser nahm, um seinen Durst endlich zu löschen. Er
erzählt, wie sein Freund immer mehr Wasser trank, weil sein Durst
immer größer wurde und er erzählt, wie die Schmerzen kamen, als
die Nieren begannen zu versagen. Schmerzen, als würde jemand
beständig ein Messer im Rücken herumdrehen. Drei Tage, so erzählte
der Fischer, kämpfte sein Freund und als das Ende endlich kam, hörte
das Schreien und Stöhnen auf und sie gaben ihn dem Meer.
Wir
treiben. Wir wissen nicht, wo wir sind. Jeden Tag das dunkle Grau
des Meeres, dessen Wellen mir, der es nicht kennt, bedrohlich groß
vorkommen. Die Sonne sticht auf uns herab und jeder hat entzündete
Augen und Pusteln im Nacken und am Kopf. Der Horizont, dieser vor ein
paar Tagen noch so mit Hoffnung erfüllte Horizont, sagte uns nichts
mehr. Nur eine Trennlinie in der Ferne. Schnurgerade teilt sie das
Meer vom Himmel, Tag für Tag. Kein Punkt, kein Schiff, keine Küste,
die dem Auge Halt und Ziel geben könnte. In der letzten Nacht ist
eine Frau gestorben, in der Nacht zuvor ein kleines Kind in den Armen
seiner Mutter. Beide wurden sie über Bord geworfen. Die Mutter
weinte nur noch still vor sich hin, keine Kraft mehr für Klagen und
Schreien.
In
der nächsten Nacht änderte sich das Wetter. Der Wind wurde
stärker und das Schaukeln des Bootes nahm zu. Der Mond, der sonst
sein spärliches Licht auf uns warf, war von Wolken bedeckt und so
sahen wir nicht einmal die Hand vor den Augen. Wir mussten uns an der
Leine festhalten, die rund um den Bootsrand gespannt war. Die Angst
um meine Familie und um mich selbst wurde riesengroß. Das Boot
schaukelte nun nicht mehr, es wurde nun immer wieder hoch angehoben,
um dann in ein Wellental zu fallen. Jedes Mal kam es dabei in eine
Schräglage, die es fast zum Umkippen brachte und das Wasser
schwappte über uns hinweg. Das Meer brüllte und tobte und wir
klammerten uns an das dünne Seil des Bootes, um nicht von diesem
unersättlichen Monster verschlungen zu werden. Das ging die ganze
Nacht so und als endlich die Morgendämmerung anbrach, wurde es nicht
besser, doch jetzt konnten wir sehen, wie die Wellen heranrollten,
mehrere Meter hoch, und uns vor sich hertrieben. Wie sich jedes Mal
eine Wand aus Wasser vor dem Boot aufbaute, es dann anhob, um uns
wieder fallen zu lassen, damit die nächste Welle das grausame Spiel
fortsetzen konnte. Es sollte noch Stunden dauern und erst als sich
der Tag bereits wieder dem Abend zuneigte, wurde es ein bisschen
ruhiger. Aber nicht nur das, es setzte Regen ein und wir alle hielten
unsere Gesichter nach oben, um soviel wie möglich von dem kostbaren
Nass abzubekommen. Wer ein Gefäß hatte, hielt es in den Regen und
wer nicht, nutzte seine Hände. Nur das Wasser, das in das Boot fiel,
konnte nicht getrunken werden, weil es sich mit dem Meerwasser
vermischte, das den Boden bis über die Knöchel unserer Füße
bedeckte. Trotzdem waren wir fast ein bisschen glücklich.
Der
Sturm flaute ab. Wir dankten Gott, dass wir es überlebt hatten.
Das bisschen Wasser aus dem Regen erfüllte uns wieder mit frischem
Mut, vor allem uns Neulinge, die das Meer nicht kannten. Allerdings
kamen nicht alle heil durch die Nacht. Fünf oder sechs Menschen hat
die See mitgenommen. Nun, mehr Platz für uns, die es geschafft
haben. Ich habe in diesen paar Tagen gelernt, das, wenn es um das
eigene und das Überleben der Familie geht, das Mitleid mit Fremden
oder auch mit Freunden auf der Strecke bleibt. Die Freude darüber,
die Beine nicht mehr ständig angewinkelt halten zu müssen, wiegt
mehr als ein Menschenleben. Wir beginnen, so gut wir können, das
Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Das beschäftigt uns und lenkt ein
bisschen davon ab, das wir nur durch eine dünne Wand aus Holz und
Glasfaser von den Toten dieser Reise getrennt sind, deren Heimat nun
endgültig die tiefe Schwärze des Meeres geworden ist.
Meinem
Sohn geht es immer schlechter. Er kann nun liegen, den Kopf in
den Schoß meiner Frau gebettet, meiner tapferen Frau. Was habe ich
Ihr und meinem Kind angetan? Wie oft habe ich mich innerlich selbst
angeschrien, wie ich so dumm sein konnte. Wie oft habe ich daran
gedacht, einfach in der Nacht über den Bootsrand zu klettern, um die
Scham zu vergessen und die Stille des Todes zu genießen. Doch wer
kümmert sich dann um meine Familie?
Das
Schiff. Plötzlich war es da, ein großes, dunkelblau angemaltes
Schiff, das unsere verklebten Augen erst wahrnahmen, als wir das
Motorengeräusch hörten und sahen, wie sich ein Beiboot davon löste
und auf uns zukam. Zuerst umkreisten sie uns und blieben ein paar
Meter entfernt liegen. Einer der Männer von dem fremden Boot rief
uns zuerst auf Englisch und dann auf Französisch an. Unser
Bootsführer, ein Lybier, antworte den auf Französisch gestellten
Fragen. Ich verstand davon nichts. Doch das Boot kam nun näher und
als es längsseits lag, verteilten die Männer Rettungswesten und
Plastikflaschen mit Trinkwasser. Wie herrlich schmeckte dieses
Wasser. Wie schön war es, mein Kind und meine Frau trinken zu sehen.
Ich weinte.
Die
Insel. Nachdem wir von den Männern im Beiboot abgeschleppt und
an Bord des großen blauen Schiffs gebracht wurden, steuerten wir
eine Insel an. Erst später, als wir landeten und in ein Lager kamen,
erfuhr ich von einem anderen, der meine Sprache konnte, dass wir auf
der griechischen Insel Lesbos waren. Es war eng in dem streng
bewachten Lager, aber es gab Essen, Trinken, Kleidung und mein Sohn
wurde von einer Ärztin untersucht. Der, der meine Sprache konnte,
erklärte mir, das die Insel zwar Europa sei, doch erst weiter im
Norden, auf dem Festland, fängt das Paradies an. Ja, nach Paradies
sah es hier wahrlich nicht aus. Viele Menschen in Zelten. Jeden Tag
Streit und Schlägereien. Trotzdem sollte dies nun für die nächsten
Monate der Ort sein, an dem wir leben mussten. Sicher, es gab Essen
und Trinken und in der Nacht ein Dach über dem Kopf, aber so viele
verschiedene Menschen auf engem Raum. Wie sehr sehnten wir, meine
Frau, mein Kind und ich, uns nach zu Hause, auch wenn dies oft Hunger
bedeutete. Doch wartete nicht das Paradies auf uns, sobald wir die
Überprüfung überstanden hätten? Sie wollten alles von uns wissen
und sie nahmen Fingerabdrücke von uns, zapften uns Blut ab und
machten Fotos von meinem Kind, meiner Frau und mir.
Der
Bescheid. An einem Nachmittag rief mich der Dolmetscher des
Lagers in das Verwaltungshaus und teilte mir mit, dass wir aus einem
sicheren Land stammen, indem uns keine Verfolgung oder Gefahren durch
Krieg drohen. Er sagte mir, dass unsere Asylanträge wahrscheinlich
abgelehnt werden und wir zurück müssten. Bis zum endgültigen
Bescheid daure es aber noch ein paar Wochen. Es stimmte, in unserem
Land ist kein Krieg, kein offizieller Krieg, über den Reporter
berichteten und der im Fernsehen zu sehen ist. In unserem Land
sterben die Menschen still aus Hunger oder weil selbst einfachste
Medizin fehlt. In unserem Land, dessen Bürokratie die der offenen
Hand ist, in die erst etwas hineingelegt werde muss, bevor sie Hilfe
gibt oder auch nur einen Stempel auf ein Stück Papier drückt. Aber
unser Land hat diplomatische Beziehungen. Es hat in Europa eine
prachtvolle Botschaft und unsere Politiker reisen gerne dorthin. Wir
aber, mein Kind, meine Frau und ich, wir sind Wirtschaftsflüchtlinge,
wie mir der Dolmetscher sagte. Wenn wir nach Europa reisen wollen,
brauchen wir ein Visum, was wir jedoch nie bekommen.
Habe
ich nicht das Recht, meiner Familie ein besseres Leben bieten zu
können? Wenn das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, mir
keine Möglichkeit dazu bietet, muss ich dann gesenkten Kopfes dahin
vegetieren und darauf warten, das ich sterbe? Darf ich nur am
Fernseher die bessere Welt im Norden betrachten oder hin und wieder
die wohlgenährten Touristen beobachten, die sich manchmal in unsere
Gegend verirrten? Von denen manche, so erzählte mir ein Freund,
Kameras, Handys und Uhren bei sich tragen, die mehr Wert sind als
alle unsere Tiere zusammen. Die in unseren Lokalen in einer Stunde
mehr Geld ausgeben, als wir in einer Woche erarbeiten können. Bin
ich dazu verdammt, ein schlechtes Leben zu führen, nur weil ich
zufällig hier und nicht in Europa geboren bin?
Die
Flucht. Ich habe mich umgehört. Von Lesbos gibt es für uns
keinen Weg auf das griechische Festland, zumindest keinen legalen
Weg. Einen Fischer für eine Überfahrt bei Nacht und Nebel zu
bezahlen, habe ich kein Geld mehr. Wenn all die Strapazen der
Wanderung durch die Wüste, das Grauen der Fahrt mit dem Boot, wenn
all das nicht völlig umsonst gewesen sein soll, gibt es nur noch
einen Weg, ich muss meine Reise ohne meine Frau und mein Kind
fortsetzen. Ich erkläre es ihr und versuche sie zu beruhigen und
letztlich willigt sie ein. Was bleibt denn sonst? Die Rückkehr in
unser Dorf, ohne Geld. Die Verwandtschaft wiederzusehen, die all ihre
Ersparnisse und Hoffnungen in uns investierten? Die ewige Schande und
Schuld?
Schon
in der nächsten Nacht schleiche ich mich zusammen mit einer
Gruppe anderer junger Männer aus dem Lager. In einem kleinen Hafen
stehlen wir ein Boot. Einer aus der Gruppe kennt das Meer und hat
einen Kompass organisiert. Wir müssen rudern, denn die Motoren
werden von den Griechen am Abend abgenommen und eingesperrt. Mit
einem Motorboot wären wir in einer halben Stunde auf dem türkischen
Festland. Mit den Rudern sind wir vermutlich die ganze Nacht
unterwegs. Das wir zuerst in die Türkei müssen, lässt sich nicht
vermeiden. Lesbos liegt dicht am türkischen Festland und ist weit
vom nächsten griechischen Festlandhafen entfernt. Tatsächlich
schaffen wir die Überfahrt, doch nun gilt es, sich an der türkischen
Küste entlang nach Norden durchzuschlagen. Wir wandern nur nachts
und ernähren uns von den Orangen, die hier in Plantagen wachsen.
Manchmal erwischt einer ein Huhn und auch die Abfälle der großen
Hotels hier an der Ägäis-Küste sind gute Quellen für Nahrung.
Unser Führer, ein Tunesier, der schon einmal abgeschoben wurde,
macht den Vorschlag, nicht erst nach Griechenland zu gehen, sondern
gleich nach Bulgarien, durch das wir so oder so müssen, wenn wir auf
dem Festlandweg bleiben und die EU nicht mehr verlassen wollen. So
wandern wir über Wochen und Monate hinweg, immer in der Angst,
aufgegriffen zu werden, durch Bulgarien, dann durch Rumänien und
Ungarn. Selten, aber ab und zu finden wir Mitfahrgelegenheiten, wobei
sich unsere Gruppe immer mehr auflöst. Als dann nach drei Monaten
die österreichische Grenze vor uns liegt, sind wir nur noch zu
Zweit. Ich weiß nicht, was mit meiner Frau und meinem Kind in der
Zwischenzeit geschehen ist. Diese eine Grenze, weiß ich inzwischen
ebenso, gilt es noch zu überwinden, dann wird der Weg ins Paradies
einfacher.
Wien.
Die Hauptstadt von Österreich, es ist schön hier und das Leben
recht einfach. Es gibt verschiedene Vereine und Organisationen in der
Stadt, die Illegalen ohne Papiere Hilfe anbieten. Manchmal bekomme
ich Arbeit als Helfer auf dem Bau oder in einer Fabrik, doch so schön
Wien ist, es ist auch teuer. Zum Sparen bleibt von den paar Euro
nichts übrig. Immerhin konnte ich erfahren, dass meine Frau und mein
Kind immer noch in Lesbos sind. Meine Flucht hat die angekündigte
Abschiebung verzögert. Nun bin ich erst einmal hier und lebe von Tag
zu Tag. Ich hoffe auf die Chance, die Chance, meine Familie
wiederzusehen, auf die Chance, legal hier zu leben und zu arbeiten.
Ich glaube, ich habe mir dieses Recht erkämpft, auch wenn es nur
Recht in meinen eigenen Augen ist und nicht Recht nach den Gesetzen
der EU. Wenn ich mich für etwas schämen muss, dann dafür, meine
Familie dieser Tortur ausgesetzt zu haben und diese Scham verspüre
ich jede Stunde meines Lebens. Für alles andere schäme ich mich
nicht. Menschlich leben zu wollen und dafür auch gegen Gesetze zu
kämpfen, die dies verhindern, ist kein Grund, sich zu schämen. Ich
bin nun im Untergrund des Paradieses und ich bin nicht allein.