Ich trinke Kaffee in einem kleinen Coffee-Shop. Mir gegenüber sitzt
eine alte Frau, auch Sie trinkt Kaffee. Auf einmal nimmt Sie aus
ihrer Tasche ein Stück Papier, reißt davon einen kleinen Fetzen ab
und holt aus der selben Tasche zwei Streichholzheftchen.
Sie zündet
ein Streichholz dicht über ihrem Kaffeebecher an und lässt das
Streichholz in den Kaffee fallen, mit voller Absicht. Dann wickelt
Sie ein anderes, neues Streichholz in den Fetzen Papier und schiebt
sich das Ganze in den Mund.
Sie kaut mit den paar Zähnen, die
Sie noch hat, auf dem eingewickeltem Streichholz herum, nimmt
zwischendurch kleine Schlucke Kaffe und ist nach wenigen Minuten
sichtlich zufriedener und gelöster als vorher. Muss ne Art Droge
sein?
Ich spreche sie darauf an, aber sie reagiert nicht. Kurz
darauf geht sie.
Ich breche auch auf. Es ist jetzt Sieben Uhr
Morgens und der Himmel reißt auf, Hoffentlich.
Nach einigem
Warten auf Sonnenschein, der sich nun doch nicht einstellt, gehe ich
noch mal Kaffee trinken.
Diesmal in einem mexikanischen
Schnellrestaurant am Broadway. Nicht in New York – in San Diego.
In
jeder Großstadt trifft man ein gewisses Quantum an Irren. Das ist
nicht böse gemeint. Die Stadt produziert sozusagen als Abfallprodukt
die Menschen, die die Hektik, die Isolation, den schnellen Schlag der
Stadt nicht verkraften.
So einer sitzt gerade einen Tisch
weiter. Ein Chicano, rote Trainingshose, alte Turnschuhe, die Socken
über die Hosenbeine gestülpt, kariertes Hemd, sitzt alleine da und
lächelt und lacht mit sich alleine. Dann geht Er, doch sein
Nachfolger am Tisch hat auch seine Probleme. Um die Fünzig, der
Kleidung nach zu irgendeiner Wachmannschaft gehörend, verzehrt er
sein Frühstück, wobei er zuerst 6 kleine Portionsbecher Kaffeesahne
austrinkt. Den Kaffe selbst trinkt er schwarz. Dann spricht er leise
mit sich selbst. Diskutiert mit einem imaginären
Gesprächspartner.
Aber was rede ich von Irren in San Diego. Bin
ich nicht selbst der größte Irre. Fliege mit Fünfzig Mark in der
Tasche nach Los Angeles, immer auf der Suche nach dem Ende des
Regenbogens.
Nächsten Monat werde ich 37 und ich habe einen
Rucksack mit ein paar Klamotten, eine Schachtel mit Kohle- und Kreidestiften sowie einen DIN A3-Skizzenblock, mein wertvollster Besitz.
Es ist jetzt 8 Uhr und wenn ich
es richtig einschätze, wird das mit dem Wetter Heute nichts mehr.
Ich mache mich wieder auf den Weg und laufe zum Seaport Village,
suche die dortige öffentliche Toilette auf und mache eine längere Sitzung.
Dann
laufe ich ziellos in der Stadt rum und setze mich um 12 Uhr wieder an
meinen „Arbeitsplatz“. Eine Wiese am Rand eines Fußgängerweges
im Seaport, an der bei schönem Wetter ne Menge Touristen
vorbeilaufen. Bei schönem Wetter.
Ein kalter Wind weht vom
Pazifik her und es ist alles andere als gemütlich. Nach zwei Stunden
breche ich ab und gehe wieder in die Stadt, zeichne auf Gut Glück
Leute auf der Strasse und zeige Ihnen mein Werk, aber ohne Erfolg.
Entweder haben Sie nichts, oder Sie wollen nicht. Um 4 hocke ich
wieder im Seaport und mache bis um halbsechs doch noch 16 Dollar.
Ich packe zusammen und mache mich auf zur Greyhound-Station,
frage nach dem Preis für die Fahrt nach El Centro, ein kleines Kaff
mitten in der Wüste auf dem Weg nach Tucson, Arizona.
17 Dollar
war die Antwort und damit hatte sich entschieden, das ich noch ein
bisschen blieb und mindestens noch eine Nacht und einen Tag San Diego
mit meine Anwesenheit beehrte.
Seit zwei Monaten war ich nun
hier, in der Stadt in der es laut Reiseführer so gut wie nie regnet
und ich hatte schon mehr Regen erwischt als im Oktober in Berlin. Es
geht mir alles auf den Geist.
Es wird langsam Dunkel. Ich
wandere durchs Gaslicht-Quartier, eine auf Alt getrimmte
Touristenfalle mit teuren Bars und Lokalen. Dann halte ich mich
Richtung Osten und komme bald in ein Gebiet, das meinen
Einkommensverhältnissen entspricht. Ich kaufe mir in einem Shop eine
billige Flasche Wein.
Inzwischen ist es Nacht und ich finde
unter dem Vordach eines Antiquitätengeschäfts einen trockenen Platz
zum Schlafen. Ich bleibe nicht lange allein, bald gesellt sich ein
obdachloser Farbiger hinzu. Ich kann mich nicht erinnern, ob er mir
seinen Namen nannte, aber man stellt sich eh selten gegenseitig vor
auf der Strasse. Wir tranken zusammen die Flasche Wein aus und Er,
nennen wir ihn George, erzählte von einem Bombengeschäft, das Er in
Aussicht habe und das ihn über Nacht in die oberen Zehntausend von
San Diego katapultieren sollte.
Yeah George, stimmte ich ihm zu,
das wird schon klappen und George, der eindeutig keinen Wein vertrug,
erzählte von seinem unaufhaltsamen Aufstieg.
Ich lag lang
ausgestreckt auf meinem Schlafsack und lies mich von George Geplapper
einlullen und dämmerte langsam in den Schlaf.
Irgendwann in der
Nacht wache ich auf. George kotzt sich gerade die Seele aus dem Leib.
Immerhin tat Er das in ein paar Meter Abstand, so das mein
Schlafzimmer nicht gefährdet war.
Zu meiner Linken hatte sich
im Laufe der Nacht noch ein Schlafgast eingefunden, der sich durch
das Gekotze in seinem Schlaf nicht stören lies.
Ich rolle mein
Hab und Gut zusammen und mache mich auf in Richtung Pazifik.
So
nach einer Stunde bin ich wieder am Pier von San Diego und setze mich
auf eine Bank vor dem Segelschiff, das als schwimmendes Museum dort
festgemacht ist. Es ist immer noch Dunkel, aber der Himmel ist jetzt
klar und über der Skyline der Stadt steht ein riesengroßer Vollmond
und ich sauge die Lichter der Hochhäuser, das Schimmern des Mondes,
das Rauschen des Ozean und die Geräusche und Gerüche der Stadt, die
der Wind mit sich trägt, in mich auf und denke mir „ Scheiße, das
ist es Wert“.
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