Es ist heiß in Phoenix, Arizona, und ich hatte einen ziemlich
beschissenen Tag hinter mir. Die Zeitarbeitsfirma, bei der ich gerade
jobbte, hatte Georg, ein kleiner Farbiger mit großer Klappe, und
mich zu einer Baustelle im Industriegebiet geschickt. Wir bekamen
einen Helm, eine Schaufel und ein paar Handschuhe und durften den
ganzen Tag hinter Planierraupen herlaufen, um Dreck und Sand von den
frisch gesetzten Randsteinen weg zu schaufeln.
Das ganze sollte
ein großer Parkplatz werden und es schien so, als wollten die Jungs
von der Baufirma heute den Weltrekord im Parkplatzbau aufstellen. Wir
malochten von Morgens um Sieben bis abends um Fünf mit gerade mal 15
Minuten Pause dazwischen, was meinen Kollegen Georg zu nicht gerade
feinen Äußerungen in Richtung Polier brachte. Der kleine konnte
sich richtig aufregen, jedoch mit mäßigen Erfolg.
Irgendwie
brachten wir den Tag hinter uns, ließen uns im Büro die Schecks
ausstellen, um diese sofort im nächsten Drugstore in Bargeld zu
verwandeln.
Ich komme also wie gesagt nach diesem beschissenem
Tag zurück in mein Hotel. Das Golden West ist eine heruntergekommene Bruchbude mit winzig kleinen Verschlägen aus Rigipswänden,
gerade mal so groß, das eine versifte Matratze hineinpasst. Die
Wände gehen nicht mal bis zur Decke und man ist von seinen
Zimmernachbarn nur durch diese Rigipsplatten getrennt, auf denen sich
die jeweiligen Vorbewohner mit Filzstift, Kugelschreiber, Sperma und
Menstruationsblut verewigt hatten.
Dafür kostete das Zimmer nur
8 Dollar die Nacht und die Bude lag im Stadtzentrum. Meine
Mitbewohner waren zum größten Teil Junkies, Huren und Dealer mit
mäßigem Erfolg. Zwei Blocks weiter stand das Grand Hyatt, an dem
Abends die dicken Stretchlimousinen vorrauschten, um die etwas besser
betuchten Gäste der Stadt irgendwohin zu kutschieren. Währenddessen
saß unsereins im "Foyer" des Golden West, einem kleinen
Vorraum mit vergittertem Empfang, einem Getränkekühlschrank,
Plastikstühlen, Ventilator und einem Farbfernseher mit Videogerät,
in dem allabendlich irgendein Hollywoodstreifen lief, vorzugsweise
auf die Klientel des Hotel abgestimmt. An diesem Abend kam ich also
zurück und der Manager, von dem ich nicht mal ahnte, das Er der
Manager sein könnte, trat mir in den Weg und fragte mich ob ich die
vernagelte Dusche im ersten Stock aufgebrochen habe. Ich schaute mir
den Typen mit seinen fettigen, langen Haaren, dem Schmerbauch und dem
unrasierten Kinn an und dachte mir "was solls". Klar, gab
ich ihm zu verstehen, es war die einzige saubere Dusche, woran die
Nägel, mit der die Tür fest verschlossen war, nicht ganz unschuldig
waren. Also nahm ich meine Taschenzange zur Hilfe und konnte mir
endlich mal wieder in einer sauberen Dusche den Dreck runter waschen.
Der Manager war ziemlich sauer, da der Abfluss der Dusche irgendwo
ein Leck hatte und ich beim Duschen irgendwas unter Wasser gesetzt
hatte. Deswegen war die also vernagelt. Ich machte ihm klar, das ich
sofort aus der Bruchbude ausziehe, wenn ich das Geld zurückbekomme,
das ich für eine Woche im voraus bezahlt hatte. Er erklärte sich
einverstanden, wollte mich dann doch noch um einen Tag betrügen, was
ihm aber nicht gelang, weil mein Visum zu der Zeit noch in Ordnung
war und ich ihm locker mit der Polizei drohen konnte. Ich duschte
nochmal, nicht in der vernagelten, und packte dann meinen Rucksack
Da
stand ich also wieder auf der Straße, es war 7 Uhr abends, die Sonne
war gerade dabei, sich hinter den Horizont aus dem staubigen Arizona
zu verabschieden und es waren immer noch so etwa 30 Grad im Schatten.
Ich wusste von einem anderen Hotel, ein paar Straßen weiter südlich,
das ähnlich preiswert war, trabte dort hin, nur um dann zu hören,
dass das letzte Zimmer gerade vergeben war und ich sah dem Typ an,
das er bereits wusste, wer ich war. Dieser Scheißkerl aus dem Golden
West hatte nach meinem Weggang wahrscheinlich einen Rundruf
gestartet.
Ok, dachte ich mir, schläfst du mal wieder im
Freien. Es war Anfang Mai in Arizona. Ich hatte also kaum mit Regen
zu rechnen. Mein Job für den nächsten Tag stand schon fest und ich
wusste auch wo. Eine Baustelle im Norden von Phoenix. Sie brauchten
dort ein paar Putzteufel, die den Dreck der Handwerker beseitigen
mussten. Ich setzte mich in den nächsten Bus und führ die drei
Meilen bis in die Nähe der Baustelle. Es war immer noch sehr hell
und immer noch sehr warm. Ich lief eine Straße entlang, ohne genaues
Ziel. An einer Kreuzung, an der sich eine Tankstelle und eine Kirche
befanden, saß ein Typ auf einer Mauer. Er hatte Militärhosen an und
ein dreckiges T-Shirt. Da ich nichts besseres zu tun hatte, setzte
ich mich zu Ihm. Er hieß All und ich fragte ihn ob er Lust auf ein
paar Bier habe, was er nicht abschlug. Ich lies meinen Rucksack in
seiner Obhut und trabte über die Straße in die Tankstelle, um einen
Sechserpack Coors zu erstehen.
Es gibt fast nichts geileres als
bei 50 Grad im Schatten in einer stockdunklen Kneipe an der Theke zu
sitzen und sich eiskalte Biere den Hals runter laufen zu lassen. Ab
und zu geht die Tür der Kneipe auf und man sieht das gleißend helle
Rechteck der Türöffnung bevor sie sich wieder schließt. Dann
brauchen deine Augen wieder ein paar Sekunden, um sich an das Dunkel
in der Kneipe zu gewöhnen. An so einem Tag in so einer Kneipe hab
ich mal eine fette Navajo aufgerissen, aber das ist eine andere
Geschichte. Ich wollte nur sagen, es ist fast genauso geil, an einem
warmen Maiabend auf einer Mauer zu sitzen und eiskalte Biere zu
trinken, vollbusigen Chicanoweibern nachzuschauen und dummes Zeug zu
labern. Ich gab All ein Bier aus dem Sechserpack und wir stießen auf
bessere Zeiten an. All war ein Vietnamveteran, der wie so viele die
Beine nicht mehr auf den Boden bekam. Irgendwie kamen wir dann auf
die Beatles, besser gesagt. All kam drauf. War aber nicht allzu
verwunderlich, denn All kam immer irgendwie auf die Beatles, wie ich
feststellen musste. All konnte mir so ziemlich alles über die
Beatles erzählen, was es gab und ich musste es glauben, denn die
vier Jungs aus England waren mir eigentlich egal, mal abgesehen von
den wirklich guten Songs die ich auch echt gerne hörte. All war in
seinem Element und nichts konnte ihn bremsen. Er erzählte von den
ersten Auftritten bis zu John Lennon' s tot in New York und meine
gelegentlichen Ablenkungsmanöver zu einem anderen Thema wurden
entweder ignoriert oder sogleich wieder auf die Beatlesspur
zurückgeführt. Ich lies ihn reden, machte mir ein zweites Bier auf
und schaute All an, der immer eifriger die Lebensgeschichte der
Pilzköpfe ausbreitete und dabei eine etwas unangenehme Angewohnheit
bemerken lies. Er spuckte beim Reden. Und wie, seine Tiraden waren
begleitet von einem Schwall von Speichel, der in alle
Himmelsrichtungen flog. Ich rückte etwas ab und stellte mein Bier
auf die andere Seite. All war inzwischen bei Linda McCartney' s
tragischem Tot angelangt, was mich zu der Bemerkung reizte, dass das
nicht mehr viel mit den Beatles an sich zu tun hätte. Das war ein
Fehler ! Nun legte All erst recht los und aus dem Schwall und wurde
ein wahrer Strom an Speichel, der ihm nun schon das Kinn
herunterlief. Das einzig Gute an der Geschichte war, das All vor
lauter erzählen nicht zum saufen kam, er war immer noch beim ersten
Bier. Ich packte mir meinen Rucksack, die restlichen drei Bier und
stand auf. Ich sah von oben auf All herab und sagte ihm das er ein
ganz schöner Spinner sei. All zuckte mit den Schultern und ich
wünschte ihm eine gute Nacht, dann lief ich die Straße zurück, an
der ich ein verlassenes Grundstück gesehen hatte, auf dem ich mein
Nachtquartier aufschlug. Ich lag auf meinem Schlafsack, starrte zum
sternenklaren Himmel empor, trank dabei die restlichen drei Bier und
wusste, das ich mich bald aus Phoenix verabschieden würde. Es ist
immer so ein Tag, der dir zeigt, das es Zeit ist, weiter zu ziehen.
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