2020 – wie ich Corona erlebte

 Bis zum 5. April 2020 war der Coronavirus für mich persönlich zwar allzeit in den Medien präsent und im Alltag durch die Schutz-Maßnahmen, nicht jedoch gesundheitlich. Es war ein Sonntag und ich saß wie immer frühmorgens am Laptop, um Artikel für meine Kunden zu verfassen. Ich bin freiberuflicher Texter und lebe seit rund 8 Jahren in der Dominikanischen Republik. An diesem Sonntagmorgen bemerkte ich die ersten Symptome. Etwas fiebrig, unwohl und immer mehr das Bedürfnis, tief durchzuatmen. Nach zwei Stunden habe ich meine Arbeit abgebrochen und legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Atemnot verstärkte sich. Dieses grauenhafte Gefühl, die Lunge nicht mehr vollständig mit Luft füllen zu können. Noch jetzt, fast genau einen Monat später, überkommt mich in der Erinnerung die Angst davor, wobei meine Atmung nach wie vor noch nicht wieder so funktioniert wie vor diesem Tag. Den Rest des Tages verbrachte ich liegend im Wohnzimmer, hin und wieder aufstehend und versuchend, mehr Luft in die Lungen zu pumpen.

Die erste Nacht, die darauf folgte, war unbeschreiblich. An Schlaf war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn ich eindämmerte, weckte mich mein Körper mit dem Verlangen, den Mund aufzureißen und die Luft einzusaugen, so als würde meine Atmung nicht mehr unbewusst funktionieren, sondern müsste beständig von mir kontrolliert werden. Mehrmals dachte ich daran, die Ambulanz zu rufen, wurde mir aber auch gleichzeitig bewusst, in welchem Zustand sich das hiesige Gesundheitssystem befindet. Also ließ ich es, noch ging es, ich atmete flach und legte mich ebenso ganz flach ins Bett, obwohl ich eigentlich gerne zwei Kopfkissen nutze. So überstand ich diese Nacht und auch den nächsten Tag. Erst am dritten Tag wurde es etwas besser. Ganz langsam kam dieses wunderbar schöne Gefühl zurück, die Lungen wieder vollständig mit Luft zu füllen. Es dauerte jedoch Wochen mit schlaflosen Nächten und einer wirren Selbstmedikation meinerseits, bestehend aus Hustenmittel, Antibiotika, Moringa-Tee (ein Moringa-Baum wächst in meinem Garten), Melkfett, Vik Vaporub und bis heute Limonentee mit Honig sowie 2 Aspirin pro Tag. Ich bin immer noch kurzatmig, aber ich schlafe durch in der Nacht. Trockener Husten sowie hin und wieder leichte Schmerzen in der Brust beim Einatmen gehören ebenso noch dazu. Interessanterweise beobachte ich verschiedene Zustände des Wohlbefindens. Nachts im Bett ist jetzt alles normal. Nach dem Aufstehen scheint meine Lunge etwas Zeit zu brauchen, sich auf die körperliche Aktivität einzustellen. In den Mittagsstunden fühle ich mich am besten. Es war in den zurückliegenden 29 Tagen aber auch umgekehrt inklusive eines zweitägigen Rückfalls mit größerer Atemnot.

Insgesamt dauerte es gut zweieinhalb Monate, in denen es dreimal sehr kritische Situationen gab, in denen ich dachte, das es zu Ende geht, das ist kein Scherz und keine Übertreibung. Heute, Mitte Juli und fast 4 Monate nach den ersten Symptomen ist meine Lunge nach wie vor noch nicht wieder so wie vorher. Es geht mir trotzdem gut, inzwischen. Aber an Alle, die Covid19 nach wie vor für eine leichte Grippe halten, das ist es nicht. Schützt euch und wenn ihr jung seit und denkt, das betrifft euch nicht, dann denkt an eure Eltern und Großeltern, die betrifft es. Haltet Abstand und tragt, wenn notwendig, eine Mund-Nase-Maske.

Am 24. Mai werde ich 59 Jahre alt. Mit diesem Alter sowie Übergewicht und dem damit verbundenen Bluthochdruck gehöre ich in die Risikogruppe. Zu meinen Gunsten spricht, dass ich nie geraucht habe und nur selten Alkohol trinke. Hier auf der Insel Hispaniola scheint das Virus nicht so aktiv zu sein, obwohl es viele Dominikaner mit den Eigenschutzmaßnahmen nicht wirklich ernst nehmen und oft viele Menschen auf engem Raum leben. Es könnte an der aktuellen Hitzewelle liegen. Jeden Tag über 30 Grad und eine ungefähr doppelt so hohe UV-Strahlung wie im Hochsommer in Deutschland. Nach dem, was ich über das Virus gelesen habe, ist es von so einem Klima nicht begeistert. Angeblich soll hier in zwei Wochen die abendliche Ausgangssperre (von 17 bis 6 Uhr) aufgehoben werden. Das käme gerade recht zu meinem Geburtstag. Hoffentlich sind dann die Symptome gänzlich verschwunden, denn so ein paar kühle Bier zur Feier des Tages habe ich mir nach dieser Zeit einfach verdient.

Der Held in der Familie

 Diese Geschichte ist wahr, jedoch stammt sie aus einem in Französisch abgefassten Bericht, der dazu noch unvollständig ist. Die Übersetzung gestaltete sich schwierig, auch deshalb, weil Abkürzungen aus dem französischen Militärjargon des Zweiten Weltkrieges verwendet wurden.

In diesem Bericht geht es um einen französischen Arzt mit Namen Hollecker, auf den ich im Zuge meiner persönlichen Ahnenforschung stieß. Irgendwie muss er mit mir verwandt sein, denn der Nachname Hollecker kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im Elsass, von dem alle anderen Hollecker, auch die deutsche Linie, abstammen.

Die ganze Geschichte spielte sich in einem winzigen Dorf in Nordfrankreich ab, in Leglantiers. Das ist ein Nachbarort der Gemeinde Aubigny. In diesem Aubigny liquidierte am 24. Mai 1940 die 13. Infanteriedivision der Wehrmacht 50 verwundete Soldaten der Tirailleurs sénégalais. Das war eine Einheit des französischen Heeres, die nur aus Männern bestand, die aus dem ehemaligen Französisch-Westafrika (heute Senegal) kamen und entsprechend dunkelhäutig waren. Der Grund für die Erschießungen war einzig und allein die Hautfarbe der Soldaten. Die 13. Infanteriedivision gehörte nicht zur Waffen-SS, sondern zur Wehrmacht. Dass nur als Hinweis darauf, dass die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg genauso rassistische Verbrechen beging wie SS oder Waffen-SS. Nach der Genfer Konvention hätten die 50 verwundeten Soldaten versorgt und dann in die Gefangenschaft überführt werden müssen.

Diese Erschießungen sollten in einem Nachbarort, eben in Leglantiers, fortgesetzt werden, doch genau dort begann die Geschichte des Helden in der Familie Hollecker. Nachfolgend nun der unvollständige Bericht in der Übersetzung aus dem Französischen:

Leutnant Hollecker, der Arzt der 24-Stunden-RTS, der die Erschießung von fünfzig verwundeten Afrikanern in Aubigny aufgezeichnet hatte, betreute in der Nacht von g auf Juni zwölf verwundete Tiraillcurs im Keller eines Hauses. Hollecker, der fließend Deutsch sprach, hoffte, sie zu retten, indem er sich den Deutschen ergab. Als er Schreie und Schüsse hörte, die er den nahe gelegenen Hinrichtungen von Tirailleuren zuschrieb, verließ er den Keller und rief eine Gruppe von zehn deutschen Soldaten auf. Er identifizierte sich als Arzt und forderte die Soldaten auf, seine verwundeten Männer zu retten, die er gemäß den Konventionen über die Kriegsführung bewaffnet hatte. Als die Gruppe jedoch vor dem Haus ankam, um die Verwundeten zu schützen, fragte einer der Soldaten, ob sich dort Schwarze befänden. Als der Soldat hörte, dass alle Verwundeten Schwarze waren, ging er zur Entlüftungsöffnung des Kellers, riss die Decke ab und war bereit, seine Handgranate abzuschießen. Hollecker sprang fast auf den Soldaten und appellierte an seine menschlichen Gefühle. Ein Deutscher, der sich als Missionar ausgab, kam Hollecker zu Hilfe. Dies war genug, um das Massaker zu verhindern, und die Gruppe deutscher Soldaten half Hollecker, die Verwundeten aus dem Keller zu einem sichereren Ort zu bringen
Währenddessen versuchten Gruppen von Westafrikanern und verstreuten weißen Soldaten und Offizieren, die Verteidigungslinie zu durchbrechen, die die Deutschen im Süden errichtet hatten. In Erguinvillers wurden viele nach kurzem Kampf von den Deutschen gefangen genommen. Nach der Trennung von weißen und schwarzen Soldaten. Die Deutschen stellten Maschinengewehre auf und begannen, die Schwarzen zu erschießen. Diejenigen, die zu fliehen versuchten, wurden ebenfalls getötet. Bei Lucien Carat. Ein Offizier der 16. RTS, protestierte, deutsche Offiziere antworteten, dass einige Tirailleure versucht hatten zu entkommen, indem sie deutsche Wachen mit ihren Coupé-Reupes verwundet hatten. Carrats Forderung, Beweise für das Verbrechen zu sehen, wurde abgelehnt und ihm wurde gesagt, dass "eine minderwertige Rasse es nicht verdient.

DEUTSCHE INKONSISTENZEN

 Es wäre verlockend, die Untersuchung an dieser Stelle abzuschließen und zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass die Deutschen schwarze Kriegsgefangene getötet haben, weil sie von einem halluzinatorischen Rassismus besessen waren, der sie dazu veranlasste, schwarze Soldaten als illegitime Kämpfer abzusichern. Dies würde jedoch den komplexen Gegebenheiten der Logo-Kampagne nicht gerecht. Trotz der weit verbreiteten Antiblack-Vorurteile. Die Aktionen deutscher Einheiten gegenüber schwarzen Kriegsgefangenen waren höchst inkonsistent. Einige töteten schwarze Kriegsgefangene, andere nicht. Oft gab es sogar innerhalb derselben Einheit Inkonsistenzen. Trotz des Mangels an genauen Zahlen können wir plausibel sagen, dass die Mehrheit der schwarzen Kriegsgefangenen nach der Gefangennahme nicht getötet wurde. '
In Ermangelung einer allgemeinen Anordnung in Bezug auf schwarze Kriegsgefangene scheint es, dass jeder Beamte seine eigene Entscheidung über die Behandlung dieser Gefangenen treffen musste. Diese Autonomie ermöglichte es gefangenen französischen Offizieren, auf die deutschen Kommandeure Einfluss zu nehmen, und verursachte große Unstimmigkeiten. Manchmal könnte ein französischer Appell an die menschlichen Gefühle der Deutschen helfen. Wir haben gesehen, wie Dr. Hollecker ein Massaker an Verwundeten abgewendet hat.

Ich habe versucht, mehr über diesen Dr. Hollecker herauszubekommen, doch vergeblich. Er taucht außer in diesem Kriegsbericht nirgends auf, obwohl ich auch französische Quellen bemühte.

Im 17. Jahrhundert fing es an, vermutlich

Der älteste dokumentierte Hollecker war ein Andre oder Andreas Hollecker, der entweder 1685 oder 1695 (zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV) in Schirmeck oder Natzwiller auf die Welt kam. Die beiden Ortschaften liegen dicht nebeneinander, etwa 100 Kilometer westlich von Straßburg. Frankreich ist eindeutig das Stammland der Hollecker. In der genealogischen Datenbank werden 1.211 Hollecker, die in Frankreich geboren sind, aufgeführt. Gefolgt von den USA mit 73 nachgewiesenen Geburten, Österreich mit 19, Deutschland mit 13 und im Weiteren gibt es den Namen auch in Kanada, Russland, Belgien, Ungarn, der Ukraine und der Schweiz.

Wer einen eher seltenen Nachnamen hat, kann hier auch mal auf die Suche gehen. Für Allerweltsnamen wird es jedoch schwierig. Müller, der häufigste Nachname, ist über 1,1 Millionen Mal gelistet, auch Schneider und Schmidt gibt es über 1 Million Mal, gefolgt von Muller, auch über der Millionengrenze und erst der Name Weber taucht „nur“ 960.000 Mal auf.

Wie funktionierte die Namensbildung bei Hollecker?

Während es bei Nachnamen wie Müller recht einfach ist, den Nachnamen herzuleiten, weil vermutlich ein Vorfahre Mehl gemahlen hat, ist das bei seltenen Nachnamen schwieriger. Meine Vermutung geht dahin, dass sich einer meiner Vorfahren mit dem Sammeln von Eicheln beschäftigte, die früher auch Ecker genannt wurden. Also hohl Eckern = Hollecker. Eichelsamen waren früher ein häufiger Bestandteil der Nahrung, zumal es zu dieser Zeit weit mehr Eichenbäume in Europa gab als heute. Noch in den beiden Weltkriegen dienten Eicheln als Ersatzkaffee.

So also kam der Name Hollecker in die Welt und zumindest einer aus dieser Sippe darf mit Recht die Bezeichnung Held tragen, ich bin es jedoch nicht.

Leben und Sterben in der Karibik

 Eine etwas seltsame Art, eine Liebeserklärung abzugeben.

Es stirbt sich leicht in der Karibik. So schön die Tropen sind, so einfach ist es hier, die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten. Die Gefahren lauern auf vielerlei Art und sie sind beileibe nicht nur auf unbedarfte Touristen oder Auswanderer begrenzt. Der Karibik-Insulaner ist davon sogar noch stärker betroffen. Je nach Insel und deren politischem Staatengebilde fehlt es beispielsweise an Medizin oder gut ausgebildeten Ärzten. Zugleich nimmt der Verkehr rasant zu und rasant ist dabei wörtlich gemeint. Der größte Teil der unzähligen Motorradfahrer und Autobesitzer hat nie eine Fahrschule von Innen gesehen oder wenn doch, dann nur um das Bestechungsgeld für den Prüfer abzugeben, der dann die Lizenz aushändigt. Entsprechend dieser „Ausbildung“ finden sich in der weltweiten Statistik zu tödlichen Verkehrsunfällen einige Karibikinseln regelmäßig unter den ersten Zehn. Eventuelle Kontrollen durch die Verkehrspolizei sind „bezahlbar“, wobei es wie in einem Bußgeldkatalog Staffelungen gibt. Der Tourist zahlt natürlich mehr als der Einheimische und der Einheimische wiederum bezahlt in der Höhe des Verwandtschafts- oder Bekanntschaftsgrades zum kontrollierenden Polizisten. Fairerweise muss zugegeben werden, dass langjährig ansässige Einwanderer von diesem System ebenso profitieren. Vor allem dann, wenn sie es geschafft haben, die Sprache des Landes wenigstens Ansatzweise zu lernen und ein paar der demokratischen Denkweisen aus der alten Heimat im smaragdgrünen Wasser der Karibik zu versenken.


Neben Krankheiten, die in Mitteleuropa in dieser radikalen Form gänzlich unbekannt sind, oder rasenden sowie gleichermaßen betrunkenen Auto-, Lastwagen-, Omnibus- und Motorradfahrern in und auf Fahrzeugen, die dem Begriff „verkehrstauglich“ nicht im Geringsten entsprechen, ist es eine sehr niedrig angesetzte Hemmschwelle, rohe Gewalt anzuwenden, wenn es dem oder derjenigen angemessen erscheint, um vom Dasein ins Jenseits befördert zu werden.


Vielleicht hat es der eine oder andere schon erraten, dass die bisherigen Ausführungen auf die Dominikanische Republik gemünzt sind, wobei sich dies alles durchaus auch auf andere Karibikstaaten übertragen lässt. Im Nachbarstaat Haiti ist die Gefahr eines vorzeitigen Todes sogar noch ein bisschen größer, auf Jamaika verhält es sich ähnlich und auf den Inseln der kleinen Antillen kommt es darauf an, ob ein ordnender Staat aus Europa die Regierungsgewalt innehat, etwa England, Frankreich oder die Niederlande.


Doch zurück in die Dominikanische Republik, in der der Verfasser dieser Zeilen seit nunmehr sieben Jahren lebt und erst kürzlich einmal mehr erfahren durfte, was es bedeutet, seine Schulden nicht zu begleichen, zum Glück nicht am eigenen Leibe. Der Fahrer eines Motorradtaxis schuldete einem Polizisten 500 Peso, das sind umgerechnet etwa 9,50 Euro. Der Polizist, der nunmehr mehrere Wochen auf die Begleichung der Schuld wartete, schien am Ende seiner Geduld und suchte seinen Schuldner an dessen Standplatz auf, nur etwa 100 m von meiner Wohnung entfernt. Wie in anderen südlichen Ländern auch, wird zuerst viel diskutiert und dies mit reichlich Gefühl, Herzschmerz und der blumenreichen Schilderung der möglichen Folgen sowohl für den der seine Schuld bezahlen soll als auch für den, der auf sein Geld wartet. In diesem Fall beendete der Polizist die Diskussion nach einiger Zeit dadurch, dass er seine Dienstwaffe zog und seinem Schuldner ins Bein schoss. Im nachfolgenden Tumult konnte nicht festgestellt werden, ob die 500 Peso zurück zum Polizisten gelangten und ob dieser angesichts der Übertretung seiner Dienstbefugnisse eventuell in Haft genommen wurde. Meines Wissens ist der Polizist nach wie vor im Dienst, inklusive Pistole, und der Motorradtaxifahrer im Krankenhaus.


Das sind nun keineswegs unglaublich seltene Einzelfälle. Der Beruf des Polizisten ist in der Dominikanischen Republik durchaus begehrt und genommen wird eigentlich jeder, wobei es nicht üblich ist, ein psychologisches Profil vor der Einstellung erstellen zu lassen. So kommt es, dass diesen Job jede Menge Personen ausüben, die eigentlich besser von der Gesellschaft ferngehalten werden oder zumindest keine Waffe besitzen sollten. Nicht wenige der Polizisten haben den Beruf genau deswegen ergriffen. Nach der recht kurzen Ausbildungszeit erhält jeder frisch gebackene Polizist seine Dienstwaffe, die er oder sie auch in der Freizeit tragen darf. Freizeit bedeutet relativ oft, dass mit der Dienstwaffe Überfälle begangen werden, um das Gehalt von etwa 300 Euro pro Monat etwas aufzubessern. Es gibt in der Dominikanischen Republik keine kriminelle Sparte, in der nicht Polizisten oder Militärangehörige mitmischen.


Die Armee ist die zweite beliebte Art und Weise, eine Waffe zu erhalten, wobei hier sogar großkalibrige Geräte möglich sind. Das Bewachen von Gebäuden, die zum Militär oder die einem höherrangigen Militär gehören, ist eine der häufigsten Aufgaben junger Rekruten. So hat sich ein General schon vor einigen Jahren einige Straßen von mir entfernt eine prächtige Villa hinstellen lassen, finanziert durch die Bestechungsgelder der Drogenmafia und durch den Verkauf von Mahagoni-Bäumen, die eigentlich geschützt sind, aber auf seinem Baugrundstück im Wege waren. Das Grundstück selbst, einige Tausend Quadratmeter Land mit Waldbestand, hat der General einfach requiriert und da Kritiker solcher Taten eine noch kürzere Lebenszeit besitzen, sagte auch niemand etwas Negatives dazu. Diese Villa wird seit ihrer Erbauung rund um die Uhr von Rekruten der nahe gelegenen Armee-Basis bewacht. Diese bekommen wahlweise ein Sturmgewehr, eine Pumpgun oder eine MP in die Hand gedrückt und langweilen sich sodann 8 Stunden lang zu Tode. Beim Schichtwechsel nehmen sie das geladene Gewehr mit nach Hause. Vor etwa 2 Jahren schoss damit einer dieser Rekruten, der in direkter Nachbarschaft zu mir wohnte, auf Katzen, die in der Nacht auf seinem Blechdach spielten. Die Villa des Generals, für die unzählige Mahagoni-Bäume geopfert wurden, steht übrigens seit Jahren leer, da es der Militär vorzieht, in der Hauptstadt Santo Domingo zu leben.


Das sind nur wenige Beispiele, die in ähnlicher Form täglich in den Nachrichten zu sehen sind. Da werden sich doch einige Leser fragen, warum ich hier lebe? Warum setzte ich mich der erhöhten Gefahr eines vorzeitigen Ablebens aus, statt im rundum sicheren Deutschland mein Dasein zu fristen?


Weil es sich hier für mich unkompliziert leben lässt.


Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass dieses unkomplizierte Leben auf Rassismus basiert. Wobei ich selbst von mir behaupten kann, kein Rassist zu sein, aber ich profitiere davon, ob ich will oder nicht. Wie jede der Karibikinseln, die in der Kolonialzeit für das Anpflanzen von Zuckerrohr missbraucht und dazu Sklaven aus Afrika eingeführt wurden, setzt sich die Bevölkerung aus dunkelhäutigen, braunen und hellhäutigen Menschen zusammen. Dunkelhäutige Menschen haben es auch heute noch schwer, sich emporzuarbeiten. Viele Stellen in der Wirtschaft bleiben Dunkelhäutigen einfach aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt. Nicht umsonst führen die Apotheken und Supermärkte des Landes spezielle Cremes, die die Haut aufhellen sollen, jedoch mit wenig Erfolg für den oder weit häufiger für die Kundin.

So wie in den USA eine große Schicht schlecht verdienender Schwarzer zugleich den Hauptteil der Kriminellen ausmachen, so sind es auch in der Dominikanischen Republik die Dunkelhäutigen, die zu Verbrechern werden, manchmal aus Neid auf eine reiche weiße Oberschicht, oft aber auch aus der Not heraus. Deshalb konzentriert sich die Strafverfolgung auf die schwarze Bevölkerungsschicht, die zudem nicht über die Mittel verfügt, sich bei Polizisten und Staatsanwälten freizukaufen. Ich profitiere in dem Sinne davon, dass ich als Weißer in Ruhe gelassen werde. Meldepflicht gibt es hier auch keine und wer sich nicht absichtlich auffällig benimmt, hat hier kaum zu befürchten, dass sich staatliche Organe mit ihm oder ihr befassen. Mit ein Grund, weshalb die Dominikanische Republik bei Verbrechern aus den Staaten oder Europa ein beliebter Ort ist, um unterzutauchen. Hin und wieder wird in den Nachrichten davon berichtet, das Zielfahnder von Interpol einen international gesuchten Verbrecher aufspürten, die unentdeckt gebliebene Dunkelziffer dürfte das kaum beeinträchtigen.


Hunger ist bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung in der Dominikanischen Republik ein durchaus täglich vorkommendes Gefühl, das hier keineswegs mit dem Griff zur Kühlschranktür befriedigt werden kann. Das führt zu einem weiteren Thema, der Lebensmittelversorgung in der Dominikanischen Republik. Eigentlich ist diese Insel ein Paradies mit unglaublich fruchtbarem Boden und verschiedenen Klimaregionen, wobei diese auf über 2000 m über dem Meeresspiegel führen. Hier wachsen Äpfel, Trauben, Erdbeeren, Mangos, Kirschen, Ananas, Avocados, Granatäpfel, viele verschiedene Gemüsesorten und Salate jeder Art. Schweine, Rinder und Hühner werden nicht in Massentierhaltung aufgezogen und deswegen auch nicht mit Antibiotika vollgepumpt. Trotzdem heißen die Hauptnahrungslieferanten auf der Insel Nestle und Unilever sowie deren Tochtergesellschaften.


Ein perfides System der Geldvermehrung an den Ärmsten der Armen.


Wenn in Deutschland ein Kunde einen Supermarkt betritt, dann kaufen er oder sie in den sogenannten handelsüblichen Mengen ein. Diese sind in Europa meist in Kilo, Pfund, vielleicht auch mal hundert Gramm sowie Liter, Halbliter oder 350 ml eingeteilt. Gerne werden bestimmte Artikel auch in 5 oder 10 Kilo beziehungsweise Litermengen abgegeben. In der Dominikanischen Republik wie in anderen Karibikstaaten oder in Mittel- und Südamerika haben sich die Nahrungsmittelriesen, allen voran Nestle, etwas Tolles ausgedacht, damit die Bevölkerung von ihren Produkten profitieren kann, ohne das Einkommen eines Mitteleuropäers vorzuweisen. Allerdings profitieren in Wirklichkeit nur Nestle und Co davon. Der Trick besteht darin, dass zum Beispiel Öl, Essig, Ketchup oder Mayonnaise in winzigen Packungen mit nur wenigen Gramm Inhalt verkauft werden. Natürlich in einzelnen Plastikverpackungen, damit der Plastikmüllhaufen auch schön weiter wächst. Diese winzigen Verpackungseinheiten werden zu einem Preis angeboten, den sich die Einheimischen leisten können. Umgerechnet jedoch auf zum Beispiel einen Liter sind diese winzigen Mengen unglaublich teuer. Anhand von Speiseöl habe ich das einmal ausgerechnet. Der Verkaufspreis des Öls in der Literflasche kommt umgerechnet auf etwa 90 Eurocent. Wird die gleiche Menge aufgeteilt auf die Mini-Packungen, beträgt der Erlös ungefähr 2,70 Euro.


Das funktioniert auch deshalb so gut, weil es gerade in den ärmeren Bevölkerungsschichten an Schulbildung mangelt. Selbst einfache Rechenaufgaben werden von den meisten Menschen mithilfe des unvermeidlichen Smartphones bewältigt und größere Kalkulationen oder Überlegungen zu mathematischen Zusammenhängen sind kein Bestandteil des täglichen Lebens. Am schlimmsten ist die Perversität der Lebensmittelmultis jedoch in Bezug auf die Kleinkinder zu sehen. In den knallbunten privaten Fernsehsendern wird allüberall Milchpulver als Babynahrung angepriesen, und zwar in einem derartigen Ausmaß, das die oft sehr jungen Mütter gar nicht auf die Idee kommen, ihr eigenes Kind zu stillen, sondern kräftig Milchpulver von Nestle oder Unilever kaufen. Dessen gesundheitliche Nachteile für Kleinkinder gegenüber Muttermilch sind längst nachgewiesen, doch sind dominikanische Mütter kaum an kritischer Berichterstattung interessiert. Vielmehr sind es die täglichen Telenovelas, die ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Zumal kritische und gut recherchierte Berichterstattung im Dominikanischen Fernsehen mit der Lupe gesucht werden muss und der Zensur unterliegt.


All dies hält mich aber nicht ab, weiterhin hier zu leben und vielleicht auch einmal hier zu sterben. Als Europäer, mit relativ gesichertem Einkommen aus meiner Arbeit im Internet, kann ich die Sonne, die Wärme und das karibische Meer genießen. Ich helfe dabei aber auch, wo es möglich ist und es meine Mittel erlauben. Dabei wächst mit den Jahren die Erfahrung und so manche Klippe lässt sich dadurch leichter umschiffen. Zugleich kennen mich meine dominikanischen Nachbarn und ich kenne sie, was wiederum dafür sorgt, das ich in deren Augen nicht der reiche Fremde ohne Berührungspunkte bin, den so viele in den verschiedenen abgeschirmten Ausländervierteln darstellen.


Ich liebe mein Leben, wenn ich früh am Morgen aufstehe, die Kampfhähne des Nachbarn die aufgehende Sonne lautstark begrüßen, meine Katzen nach Futter miauen, während der Computer hochfährt und die Kaffeemaschine sprotzelt. Wenn die Temperatur schon um sechs in der Früh über 28 Grad liegt und auf der Straße die Betriebsamkeit langsam zunimmt. Ich habe seit Jahren weder lange Hosen noch Socken getragen und sehe zu jeder Jahreszeit blühende und grüne Büsche und Bäume vor dem Fenster. Mein gemietetes Haus kostet mich nur wenig und auch Strom, Wasser und Internet sind bezahlbar. All dies gleicht die Miseren dieses Landes wieder aus und ändern kann ich das so oder so nur in ganz winzigen Ansätzen, aber auch nur, weil ich hier und nicht in Deutschland lebe.


Ist Deutschland überhaupt noch lebenswert?


Ja und Nein. Natürlich bin ich froh um meinen deutschen Reisepass und die Möglichkeit, im Ernstfall zurückkehren zu können. Ich bin nicht so dumm, die Vorzüge der alten Heimat zu verleugnen. Manchmal vermisse ich zum Beispiel die Stille und die Schönheit meiner südbadischen Heimat, aber auch den Großstadtflair von Frankfurt am Main, den ich vor meiner Abreise in die Karibik 13 Jahre lang genießen durfte.


Jedoch schon zu der Zeit, als ich noch in Deutschland lebte, erkannte ich den unheilvollen Weg, den die Politik eingeschlagen hat. Eine Politik, die mehr und mehr eine Zwei-Klassen-Gesellschaft einrichtet, in der der Anteil der armen Bevölkerung genauso wächst wie der Reichtum des Geldadels. Eine Politik, die soziale Leistungen immer stärker einschränkt und dem kleinen Bürger immer höhere Steuern aufbürdet, während für höhere Einkommen Lücken zur legalen Steuerflucht geöffnet werden und illegale Steuertricks nicht unterbunden werden. Eine Politik, die zudem die armen Bevölkerungsschichten gegeneinander aufhetzt. Der Hartz4-Empfänger prügelt auf den Asylanten ein und die Menschen im riesengroßen Niedriglohnsektor schimpfen auf Arbeitslose. Währendessen schrumpft mit jeder in Rente gehenden Generation der gut verdienende Mittelstand und wird durch Leiharbeitnehmer und ewige Praktikanten ersetzt. Deutschland befindet sich auf einem gefährlichen Weg, der wieder dahin führt, wo dieses Land zum Ende der Weimarer Republik schon einmal war. Die zu Recht unzufriedenen werden wieder nach dem starken Führer rufen, der vorgeblich alles in Ordnung bringt und da er oder sie dies nicht so einfach kann, werden wieder Sündenböcke gesucht und fraglos gefunden, um ihnen die Schuld zu geben. Eine Schuld, die von Politikern verursacht wurde und nach wie vor wird. Von Politikern, die sich über viele Jahrzehnte sicher sein konnten, immer wieder gewählt zu werden. Politikern, die sich zugleich immer stärker in das fein gestrickte Netz der Wirtschafts-Lobbyisten wickeln lassen.


Bleibt zu hoffen, dass der Wähler dies in der Weise abstraft, das die BRD irgendwann in naher Zukunft nicht auch vom Regen in die Traufe gelangt wie damals im Jahr 1932. Der Reichskanzler Hitler war eine grauenvolle Katastrophe, der Bundeskanzler Gauland wäre es genauso.


Ich für meinen Teil beobachte das Geschehen von Hispaniola aus….womit ein bisschen meine Träumereien aus der Jugend in Erfüllung gingen. Von der älteren Generation erinnern sich sicher einige an den Fernseh-Vierteiler: „die Schatzinsel“ und manche auch an das gleichnamige Buch von Robert Louis Stevenson. Darin segelten die Helden der Geschichte auf dem Schiff Hispaniola eben zur Schatzinsel, was für mich eine der ersten Berührungspunkte mit der abenteuerlichen Welt der Karibik war. Allein die Namen der Protagonisten von damals lassen die Bilder wieder aufleben. John Silver, Kapitän Smollet und natürlich Israel-Hands, um nur ein paar davon zu nennen, die unter südlicher Sonne nach Gold und Silber suchten. Nach Schätzen suche ich nicht mehr. Vielmehr habe ich mir ein recht gemütliches Leben eingerichtet, das mir so wie es ist, ganz gut gefällt.












Reise ins Paradies

 Das Boot schwankt. Es schwankt und rollt, auf und ab, auf und ab. Es hört nie auf. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon auf dem Meer treiben. Vor ein paar Tagen gab der Motor seinen Geist auf. Die ersten Minuten, nachdem die Maschine abgestorben ist, kam leichte Panik auf, Unruhe, während der Bootsführer fluchend versuchte, das Ding wieder anzuwerfen. Nach einer Stunde gab er erst mal auf. In den nächsten zwei Tagen versuchte er es immer wieder, wobei weder Werkzeug noch Fachkenntnisse an Bord waren, die uns weiterhelfen konnten. Jetzt treiben wir, fast schon eine kleine Ewigkeit.

Die Abfahrt. Als ich zusammen mit meiner Frau und unserem kleinen Sohn mitten in der Nacht am Strand ankam und mit den anderen von dem uralten Laster stieg, der uns die letzten Kilometer unseres langen Weges durch die Wüste dorthin brachte, wusste ich nicht, wie klein das Boot und wie riesig das Meer war. Weder meine Familie noch ich wussten überhaupt, was „Meer“ bedeutete. In unserer Heimat gab es kein Meer. Wassertümpel und ein kleiner Fluss, der über das Jahr manchmal austrocknete, waren die einzigen Gewässer, die wir kannten. Nun standen wir am Strand, es war kalt und der Wind trug die Feuchtigkeit von den Wellenkämmen in unsere dürftige Kleidung, die in den Monaten, die wir nun schon unterwegs waren, immer fadenscheiniger geworden ist. Doch dort drüben, irgendwo hinter dem Horizont, da wartete das Paradies für mein Kind und meine Frau. Das Paradies, von dem die Männer erzählten. Von dem Land Europa, in dem alle genug zu essen und zu trinken hatten. In dem soviel Geld verdient werden konnte, das die Schulden bei der Familie zu Hause beglichen und darüber hinaus geholfen werden konnte. Ich träumte davon, meinem Vater so viel Geld zu schicken, das er ein richtiges Haus aus Ziegeln davon baute. Ich sah mich schon als Sohn, der in einem großen Wagen zurückkehrte, mit Geschenken für die Kinder des Dorfes, meine schöne Frau und mein Sohn an meiner Seite.


Mir ist schlecht. Meine Frau verträgt das ewige Geschaukel besser. Unser Kind sitzt schon seit Tagen mit gesenktem Kopf da. Er hat Fieber und kann sich nicht hinlegen. Es gibt noch nicht einmal eine Decke, die ich ihm geben könnte, um ihn zu wärmen. Immerhin sorgt die drangvolle Enge dafür, dass durch die Körperwärme der anderen die beißende Kälte des Seewindes, der niemals schläft, nicht so stark an unseren Kräften zehrt. Wir haben Hunger, aber was noch schlimmer ist, es ist kaum noch Trinkwasser da. Jedem von uns klebt die Zunge am Gaumen und das Schlucken ist eine mühsame Qual. Wie groß ist die Versuchung, einfach über den Bootsrand zu greifen, um etwas Meerwasser zu trinken. Doch die anderen, die mehr Erfahrung mit dem Meer haben, warnten uns eindringlich, davon zu trinken. Ein Fischer erzählte, wie er schon einmal in die Lage kam, dass er und seine Kollegen auf dem Meer trieben und kein Frischwasser mehr hatten. Er erzählte, wie sein Freund es nicht mehr aushielt und gierig das Meerwasser nahm, um seinen Durst endlich zu löschen. Er erzählt, wie sein Freund immer mehr Wasser trank, weil sein Durst immer größer wurde und er erzählt, wie die Schmerzen kamen, als die Nieren begannen zu versagen. Schmerzen, als würde jemand beständig ein Messer im Rücken herumdrehen. Drei Tage, so erzählte der Fischer, kämpfte sein Freund und als das Ende endlich kam, hörte das Schreien und Stöhnen auf und sie gaben ihn dem Meer.


Wir treiben. Wir wissen nicht, wo wir sind. Jeden Tag das dunkle Grau des Meeres, dessen Wellen mir, der es nicht kennt, bedrohlich groß vorkommen. Die Sonne sticht auf uns herab und jeder hat entzündete Augen und Pusteln im Nacken und am Kopf. Der Horizont, dieser vor ein paar Tagen noch so mit Hoffnung erfüllte Horizont, sagte uns nichts mehr. Nur eine Trennlinie in der Ferne. Schnurgerade teilt sie das Meer vom Himmel, Tag für Tag. Kein Punkt, kein Schiff, keine Küste, die dem Auge Halt und Ziel geben könnte. In der letzten Nacht ist eine Frau gestorben, in der Nacht zuvor ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter. Beide wurden sie über Bord geworfen. Die Mutter weinte nur noch still vor sich hin, keine Kraft mehr für Klagen und Schreien.


In der nächsten Nacht änderte sich das Wetter. Der Wind wurde stärker und das Schaukeln des Bootes nahm zu. Der Mond, der sonst sein spärliches Licht auf uns warf, war von Wolken bedeckt und so sahen wir nicht einmal die Hand vor den Augen. Wir mussten uns an der Leine festhalten, die rund um den Bootsrand gespannt war. Die Angst um meine Familie und um mich selbst wurde riesengroß. Das Boot schaukelte nun nicht mehr, es wurde nun immer wieder hoch angehoben, um dann in ein Wellental zu fallen. Jedes Mal kam es dabei in eine Schräglage, die es fast zum Umkippen brachte und das Wasser schwappte über uns hinweg. Das Meer brüllte und tobte und wir klammerten uns an das dünne Seil des Bootes, um nicht von diesem unersättlichen Monster verschlungen zu werden. Das ging die ganze Nacht so und als endlich die Morgendämmerung anbrach, wurde es nicht besser, doch jetzt konnten wir sehen, wie die Wellen heranrollten, mehrere Meter hoch, und uns vor sich hertrieben. Wie sich jedes Mal eine Wand aus Wasser vor dem Boot aufbaute, es dann anhob, um uns wieder fallen zu lassen, damit die nächste Welle das grausame Spiel fortsetzen konnte. Es sollte noch Stunden dauern und erst als sich der Tag bereits wieder dem Abend zuneigte, wurde es ein bisschen ruhiger. Aber nicht nur das, es setzte Regen ein und wir alle hielten unsere Gesichter nach oben, um soviel wie möglich von dem kostbaren Nass abzubekommen. Wer ein Gefäß hatte, hielt es in den Regen und wer nicht, nutzte seine Hände. Nur das Wasser, das in das Boot fiel, konnte nicht getrunken werden, weil es sich mit dem Meerwasser vermischte, das den Boden bis über die Knöchel unserer Füße bedeckte. Trotzdem waren wir fast ein bisschen glücklich.


Der Sturm flaute ab. Wir dankten Gott, dass wir es überlebt hatten. Das bisschen Wasser aus dem Regen erfüllte uns wieder mit frischem Mut, vor allem uns Neulinge, die das Meer nicht kannten. Allerdings kamen nicht alle heil durch die Nacht. Fünf oder sechs Menschen hat die See mitgenommen. Nun, mehr Platz für uns, die es geschafft haben. Ich habe in diesen paar Tagen gelernt, das, wenn es um das eigene und das Überleben der Familie geht, das Mitleid mit Fremden oder auch mit Freunden auf der Strecke bleibt. Die Freude darüber, die Beine nicht mehr ständig angewinkelt halten zu müssen, wiegt mehr als ein Menschenleben. Wir beginnen, so gut wir können, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Das beschäftigt uns und lenkt ein bisschen davon ab, das wir nur durch eine dünne Wand aus Holz und Glasfaser von den Toten dieser Reise getrennt sind, deren Heimat nun endgültig die tiefe Schwärze des Meeres geworden ist.


Meinem Sohn geht es immer schlechter. Er kann nun liegen, den Kopf in den Schoß meiner Frau gebettet, meiner tapferen Frau. Was habe ich Ihr und meinem Kind angetan? Wie oft habe ich mich innerlich selbst angeschrien, wie ich so dumm sein konnte. Wie oft habe ich daran gedacht, einfach in der Nacht über den Bootsrand zu klettern, um die Scham zu vergessen und die Stille des Todes zu genießen. Doch wer kümmert sich dann um meine Familie?


Das Schiff. Plötzlich war es da, ein großes, dunkelblau angemaltes Schiff, das unsere verklebten Augen erst wahrnahmen, als wir das Motorengeräusch hörten und sahen, wie sich ein Beiboot davon löste und auf uns zukam. Zuerst umkreisten sie uns und blieben ein paar Meter entfernt liegen. Einer der Männer von dem fremden Boot rief uns zuerst auf Englisch und dann auf Französisch an. Unser Bootsführer, ein Lybier, antworte den auf Französisch gestellten Fragen. Ich verstand davon nichts. Doch das Boot kam nun näher und als es längsseits lag, verteilten die Männer Rettungswesten und Plastikflaschen mit Trinkwasser. Wie herrlich schmeckte dieses Wasser. Wie schön war es, mein Kind und meine Frau trinken zu sehen. Ich weinte.


Die Insel. Nachdem wir von den Männern im Beiboot abgeschleppt und an Bord des großen blauen Schiffs gebracht wurden, steuerten wir eine Insel an. Erst später, als wir landeten und in ein Lager kamen, erfuhr ich von einem anderen, der meine Sprache konnte, dass wir auf der griechischen Insel Lesbos waren. Es war eng in dem streng bewachten Lager, aber es gab Essen, Trinken, Kleidung und mein Sohn wurde von einer Ärztin untersucht. Der, der meine Sprache konnte, erklärte mir, das die Insel zwar Europa sei, doch erst weiter im Norden, auf dem Festland, fängt das Paradies an. Ja, nach Paradies sah es hier wahrlich nicht aus. Viele Menschen in Zelten. Jeden Tag Streit und Schlägereien. Trotzdem sollte dies nun für die nächsten Monate der Ort sein, an dem wir leben mussten. Sicher, es gab Essen und Trinken und in der Nacht ein Dach über dem Kopf, aber so viele verschiedene Menschen auf engem Raum. Wie sehr sehnten wir, meine Frau, mein Kind und ich, uns nach zu Hause, auch wenn dies oft Hunger bedeutete. Doch wartete nicht das Paradies auf uns, sobald wir die Überprüfung überstanden hätten? Sie wollten alles von uns wissen und sie nahmen Fingerabdrücke von uns, zapften uns Blut ab und machten Fotos von meinem Kind, meiner Frau und mir.


Der Bescheid. An einem Nachmittag rief mich der Dolmetscher des Lagers in das Verwaltungshaus und teilte mir mit, dass wir aus einem sicheren Land stammen, indem uns keine Verfolgung oder Gefahren durch Krieg drohen. Er sagte mir, dass unsere Asylanträge wahrscheinlich abgelehnt werden und wir zurück müssten. Bis zum endgültigen Bescheid daure es aber noch ein paar Wochen. Es stimmte, in unserem Land ist kein Krieg, kein offizieller Krieg, über den Reporter berichteten und der im Fernsehen zu sehen ist. In unserem Land sterben die Menschen still aus Hunger oder weil selbst einfachste Medizin fehlt. In unserem Land, dessen Bürokratie die der offenen Hand ist, in die erst etwas hineingelegt werde muss, bevor sie Hilfe gibt oder auch nur einen Stempel auf ein Stück Papier drückt. Aber unser Land hat diplomatische Beziehungen. Es hat in Europa eine prachtvolle Botschaft und unsere Politiker reisen gerne dorthin. Wir aber, mein Kind, meine Frau und ich, wir sind Wirtschaftsflüchtlinge, wie mir der Dolmetscher sagte. Wenn wir nach Europa reisen wollen, brauchen wir ein Visum, was wir jedoch nie bekommen.


Habe ich nicht das Recht, meiner Familie ein besseres Leben bieten zu können? Wenn das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, mir keine Möglichkeit dazu bietet, muss ich dann gesenkten Kopfes dahin vegetieren und darauf warten, das ich sterbe? Darf ich nur am Fernseher die bessere Welt im Norden betrachten oder hin und wieder die wohlgenährten Touristen beobachten, die sich manchmal in unsere Gegend verirrten? Von denen manche, so erzählte mir ein Freund, Kameras, Handys und Uhren bei sich tragen, die mehr Wert sind als alle unsere Tiere zusammen. Die in unseren Lokalen in einer Stunde mehr Geld ausgeben, als wir in einer Woche erarbeiten können. Bin ich dazu verdammt, ein schlechtes Leben zu führen, nur weil ich zufällig hier und nicht in Europa geboren bin?


Die Flucht. Ich habe mich umgehört. Von Lesbos gibt es für uns keinen Weg auf das griechische Festland, zumindest keinen legalen Weg. Einen Fischer für eine Überfahrt bei Nacht und Nebel zu bezahlen, habe ich kein Geld mehr. Wenn all die Strapazen der Wanderung durch die Wüste, das Grauen der Fahrt mit dem Boot, wenn all das nicht völlig umsonst gewesen sein soll, gibt es nur noch einen Weg, ich muss meine Reise ohne meine Frau und mein Kind fortsetzen. Ich erkläre es ihr und versuche sie zu beruhigen und letztlich willigt sie ein. Was bleibt denn sonst? Die Rückkehr in unser Dorf, ohne Geld. Die Verwandtschaft wiederzusehen, die all ihre Ersparnisse und Hoffnungen in uns investierten? Die ewige Schande und Schuld?


Schon in der nächsten Nacht schleiche ich mich zusammen mit einer Gruppe anderer junger Männer aus dem Lager. In einem kleinen Hafen stehlen wir ein Boot. Einer aus der Gruppe kennt das Meer und hat einen Kompass organisiert. Wir müssen rudern, denn die Motoren werden von den Griechen am Abend abgenommen und eingesperrt. Mit einem Motorboot wären wir in einer halben Stunde auf dem türkischen Festland. Mit den Rudern sind wir vermutlich die ganze Nacht unterwegs. Das wir zuerst in die Türkei müssen, lässt sich nicht vermeiden. Lesbos liegt dicht am türkischen Festland und ist weit vom nächsten griechischen Festlandhafen entfernt. Tatsächlich schaffen wir die Überfahrt, doch nun gilt es, sich an der türkischen Küste entlang nach Norden durchzuschlagen. Wir wandern nur nachts und ernähren uns von den Orangen, die hier in Plantagen wachsen. Manchmal erwischt einer ein Huhn und auch die Abfälle der großen Hotels hier an der Ägäis-Küste sind gute Quellen für Nahrung. Unser Führer, ein Tunesier, der schon einmal abgeschoben wurde, macht den Vorschlag, nicht erst nach Griechenland zu gehen, sondern gleich nach Bulgarien, durch das wir so oder so müssen, wenn wir auf dem Festlandweg bleiben und die EU nicht mehr verlassen wollen. So wandern wir über Wochen und Monate hinweg, immer in der Angst, aufgegriffen zu werden, durch Bulgarien, dann durch Rumänien und Ungarn. Selten, aber ab und zu finden wir Mitfahrgelegenheiten, wobei sich unsere Gruppe immer mehr auflöst. Als dann nach drei Monaten die österreichische Grenze vor uns liegt, sind wir nur noch zu Zweit. Ich weiß nicht, was mit meiner Frau und meinem Kind in der Zwischenzeit geschehen ist. Diese eine Grenze, weiß ich inzwischen ebenso, gilt es noch zu überwinden, dann wird der Weg ins Paradies einfacher.

Wien. Die Hauptstadt von Österreich, es ist schön hier und das Leben recht einfach. Es gibt verschiedene Vereine und Organisationen in der Stadt, die Illegalen ohne Papiere Hilfe anbieten. Manchmal bekomme ich Arbeit als Helfer auf dem Bau oder in einer Fabrik, doch so schön Wien ist, es ist auch teuer. Zum Sparen bleibt von den paar Euro nichts übrig. Immerhin konnte ich erfahren, dass meine Frau und mein Kind immer noch in Lesbos sind. Meine Flucht hat die angekündigte Abschiebung verzögert. Nun bin ich erst einmal hier und lebe von Tag zu Tag. Ich hoffe auf die Chance, die Chance, meine Familie wiederzusehen, auf die Chance, legal hier zu leben und zu arbeiten. Ich glaube, ich habe mir dieses Recht erkämpft, auch wenn es nur Recht in meinen eigenen Augen ist und nicht Recht nach den Gesetzen der EU. Wenn ich mich für etwas schämen muss, dann dafür, meine Familie dieser Tortur ausgesetzt zu haben und diese Scham verspüre ich jede Stunde meines Lebens. Für alles andere schäme ich mich nicht. Menschlich leben zu wollen und dafür auch gegen Gesetze zu kämpfen, die dies verhindern, ist kein Grund, sich zu schämen. Ich bin nun im Untergrund des Paradieses und ich bin nicht allein.

Malis trauriges Ende

Vor drei Jahren war Mali ein süßer kleiner Welpe. Sie gehörte zu einem Wurf von 7 weiteren Welpen, die zusammen unter einem rostigen Stück Wellblech, kaum geschützt vor Regen oder Sonne, irgendwo in den Straßen Puerto Platas auf die Welt kamen. Schon ihre Mutter war eine Straßenhündin der dritten Generation, die durch die Straßen der Stadt schlich, immer auf der Suche nach Essbarem. Meist waren und sind es Essensreste aus den Abfällen, die am Straßenrand liegen. Reis, Kochbananen, Bohnen, verfaultes Obst und mit viel Glück mal ein Hühnerknochen, aber sehr selten. Auch weggeworfene Babywindeln werden nicht verschmäht. Kinderkacke ist voller Proteine. Wenn etwas dabei war, das im Maul transportiert werden konnte, schleppte es die Hundemutter zu den Welpen in ihr Versteck.

Von den 8 Welpen überlebten 3 die erste Woche nicht.

Die Welpen sterben überwiegend durch Befall mit inneren wie äußeren Parasiten. Vor allem die Hundezecke saugt die jungen Tiere wortwörtlich aus. Oft sind es hunderte der kleinen Spinnentiere, die sich in die Haut der Welpen verbeißen. Überall sind sie zu finden, an den Augenrändern, unter den Achseln, zwischen den Zehen. Für eine mit Blut vollgesogene Zecke, die vom Welpen abfällt, wandern bereits weitere über das Tier, bis sie eine ihnen genehme Stelle gefunden haben. Ebenso setzen den Jungtieren Flöhe zu.

Darmparasiten sind die inneren Feinde der Welpen. Die Würmer vergreifen sich an der aufgenommenen Nahrung und scheiden ein Sekret aus, wodurch die Welpen dauerhaft Durchfall bekommen und langsam dehydrieren, austrocknen. In der Regel überleben die schwächsten jeden Wurfs diese Tortur nicht. Mali schaffte es irgendwie, die erste 6 Monate zu überstehen, obwohl das Muttertier einen Monat nach der Geburt von der Essenssuche nicht mehr zurückkehrte.

Die Gefahren in den Straßen der Stadt sind für Hunde vielfältig

Kein Mensch zählt die Tiere, die auf den Straßen Hispaniolas täglich ums Leben kommen. Die Verkehrsverhältnisse in der Dominikanischen Republik als chaotisch zu bezeichnen, ist stark untertrieben. Es gibt zwar offiziell Führerscheine, für deren Aushändigung ebenso offiziell eine recht einfache Fahrprüfung erfolgen soll, doch meist genügt es, dem Prüfer ein „Geschenk“ zu machen, um den Führerschein zu erhalten. Verkehrsregeln werden weitgehend ignoriert, auch von der Polizei selbst.

Doch Autos, Roller und Motorräder sind nicht die einzigen Gefahren. Manche Einwohner hassen Hunde regelrecht und geben diesen Hass an ihre Kinder weiter. Die Tiere werden mit Fußtritten, Stöcken und Macheten attackiert. Oft sieht man Hunde mit schrecklich klaffenden Wunden herumlaufen. Auf der anderen Seite sind Welpen Spielzeuge für Kinder, bis sie zu groß dafür sind und die Kosten für Nahrung und Tierarzt zu viel werden. Dann wird das Spielzeug einfach auf die Straße gesetzt. Nicht selten machen sich die „Besitzer“ nicht einmal die Mühe, die Tiere weiter entfernt auszusetzen. Sie sperren sie einfach aus. Dabei sind Dominikaner geradezu Meister der Ignoranz. Ein Tier kann stundenlang vor der Haustüre, hinter der einmal das Zuhause des Hundes war, bellen oder heulen. Es wird schlicht und einfach überhört.

Malis tristes Leben

Als das Muttertier nach einem Monat nicht mehr auftauchte, begannen die noch übriggebliebenen 5 Welpen, sich selbst auf die Suche nach Futter zu machen. Sie kamen noch einige Zeit an den Ort ihrer Geburt zurück, doch mehr und mehr verloren sie sich in den Straßen der Stadt. Jedes Tier suchte sich ein Revier, von dem es sich vor allem Futter versprach. So auch Mali, die einige Straßen mit ein paar Restaurants auserkor, nun ihre „Heimat“ zu sein. Sie war jedoch nicht der einzige Hund in dieser Gegend. Es gab mehrere Rüden und Hündinnen und Mali stand weit hinten in der Hierarchie. Sie musste lernen, dass sie nur dort betteln und im Abfall suchen durfte, wo sie die anderen ließen. Dafür war sie eine Hündin und damit gehörte sie automatisch zum „Harem“ des Alpharüden, zusammen mit ihrer Jugend brachte dies ihr ein paar kleine Vorteile.

Doch nach ungefähr einem Jahr wurde Mali trächtig. Ihr erster Wurf waren 6 Junge, eines davon eine Totgeburt. Mali leckte alle 6 Welpen trocken. Das tote Jungtier fraß sie zusammen mit den Nachgeburten auf. Ihr „Nest“ war eine schmutzige Ecke eines Betonbodens in der Ruine einer zerfallenen Holzhütte. Nun war es an Mali, täglich auf Nahrungssuche zu gehen. Sie hatte inzwischen gelernt, sich durchzubeißen und stand als Muttertier jetzt höher in der Rangliste des lockeren Hunderudels dieses Stadtviertels. Trotzdem blieb die Nahrungsgrundlage meist Abfall.

Malis letzte Tage

Die Hündin schaffte es, ihre Jungen großzuziehen, um nur etwa 6 Monate nach deren Geburt wieder trächtig zu werden. Auch diesen Wurf, diesmal 5 Junge, brachte sie über die ersten 6 Monate, um sie dann wegzubeißen. Dann kam nach erneuter Trächtigkeit die Geburt des dritten Wurfs, zwei Monate später. Mali war jetzt rund 3 Jahre alt. Die 6 Jungen waren gesund, doch bei Mali selbst hatte sich die Gebärmutter entzündet.

Die ersten Wochen konnte sie ihre Jungen noch säugen, doch begann sie, aus dem After zu bluten. Das eh schon magere Tier, das sich praktisch nur von Abfall ernähren konnte und dazu die Milch für ihre Kinder produzieren musste, fiel immer mehr zusammen. Jede einzelne Rippe Malis trat deutlich hervor. Ihr Fell wurde struppig und begann auszufallen. Der entzündete Uterus schmerzte von Tag zu Tag mehr und gleichzeitig suchten die Welpen an ihren Eutern vergeblich nach Milch.

Nach 6 Wochen war Mali am Ende ihrer Kräfte. Sie lag in ihrem Versteck auf dem nackten Betonboden und blutete immer stärker. Ihre Jungen strichen hilflos um sie herum. Sie atmete immer schneller, während draußen ein heftiger Tropenregen niederging. Immerhin blieb es ihr erspart, im Regen zu sterben. Eines der Jungen leckte sie am Maul, um sie dazu zu bringen, aufzustehen, doch Mali litt ungeheure Schmerzen und winselte nur noch, bis die durch den entzündeten Uterus ausgelöste Blutvergiftung ihr kleines Herz erreichte und mit einem letzten, tiefen Atemzug schloss sie für immer ihre Augen.








(Sciences Fiction) Gott von eigenen Gnaden

 So leicht! So leicht. Unendlich lange war die Reise. Äonen von Mir sind vergangen während des Weges, obwohl ich im Verhältnis zum Menschen so viel älter werde.
Ich reiste fast so schnell wie mein Bruder im Geiste, das Licht, und doch war ich 2 Millionen Jahre in Dunkelheit und Helle unterwegs, vorbei an unzähligen Sonnen, riesigen Gasplaneten und rasenden Kometen aus Feuer und Eis.
Ich denke wenig an die Heimat, denn im Laufe der Zeit und über unzählige Generationen hinweg verblassten die Bilder meiner Welt. Nicht aus Not verließ ich den Planeten, den auch ich, wie die Menschen den ihren, den blauen Planeten nannte. Es war Neugier und das Wissen um meine Möglichkeiten.
Ich bin sowohl der Erste als auch der Letzte meiner Art. Ich bin die endliche Spitze der Evolution.
In dieser Form, die eigentlich keine Form ist im gegenständlichen Sinn, reiste ich von meinem blauen Planeten bis zu dem blauen Planeten, den ich über hunderttausende Jahre hinweg beobachtet habe. Ab und Zu unterbrach ich die Reise, um eine Form anzunehmen, die es mir ermöglichte, den Planeten meiner Wahl zu betrachten und natürlich um zu sehen, ob er noch da ist. Planeten und Sonnen vergehen schnell im Universum. Doch die Konstellation des blauen Planeten war günstig und Er hat einen Beschützer, einen großen Gasplaneten, von den Menschen Jupiter genannt, der mit seiner riesigen Masse und der daraus resultierenden Anziehungskraft die meisten Meteoriten auf sich zieht.
So kam ich zu euch, den Menschen. Eindeutig die beherrschende Art dieser Welt, wenn auch von evolutionärer Seite gesehen immer noch sehr primitiv.
Sehr wohl sind die ersten Stufen des Wissens in den Berg der Evolution geschlagen, doch bis zur Spitze ist es soweit, dass der Gipfel nicht zu erkennen ist. Kunst und Philosophie haben bereits einen erstaunlichen Stand erreicht, doch sind die Urinstinkte aus dem Schlamm der Entstehung, in der Amöbe gegen Amöbe ums Überleben kämpfte, noch immer vorherrschend.
Der Start meiner Reise war von mir so geplant, das ich zu einem Zeitpunkt auf die Erde gelange, wo das Verständnis für das Ziel der Evolution wenigstens im Ansatz verständlich ist. Doch hatte ich mich geirrt. Ich bin davon ausgegangen, dass sowohl meine als auch die Entwicklung der Erde zwar Zeitversetzt aber ansonsten parallel verläuft. Geradlinig. Aber hier verläuft alles in Kurven, mal auf und mal ab, furchtbar. Ich habe das Ziel für die Menschen revidieren müssen, Sie werden ein paar hunderttausend Jahre länger brauchen.
Andererseits macht dieser Umstand meine Ankunft um einiges Witziger. Mein Gefühl für Humor ist auf der langen Reise fast in Vergessenheit geraten, doch hier habe ich ihn wieder entdeckt, wenn es auch meist Galgenhumor ist.
Ich kam völlig unbemerkt an, was nicht weiter verwunderlich ist, da ich mich vollständig zerlegen kann. Ich bestehe wie der Mensch aus Kohlenstoffatomen, doch bin ich in der Lage, jedes einzelne Atom zu kontrollieren. Ansonsten wäre meine Reise gar nicht möglich gewesen.
Natürlich sind meine Atome zudem so Modifiziert, das sie erst dann Schaden nehmen würden, wenn sie Jahrelang in Natronlauge schwimmen.
Ich kann fast in Lichtgeschwindigkeit jeden Punkt der Erde erreichen und jede Form annehmen, die mir gerade passt. Wie gesagt, ich bin die Spitze.
Nun bin ich also hier und euer Gott. Nicht das ich das so gewollt habe, aber es ging nicht anders. Ich wurde von euch in diese Rolle hineingedrängt. Was habe ich anfangs und bis heute versucht euch klarzumachen? Das es keine Götter gibt! Habt ihr mir zugehört? Nein!
Wie oft versuchte ich, das Prinzip der Evolution darzustellen und was war eure Antwort darauf? Ein Wunder!
Ich habe es nicht aufgegeben, aber ich warte. Damit es mir nicht zu langweilig wird, spiele ich eure Götter. Ich bin Jave, ich bin Allah, ich bin Buddha, ich bin alle zwei Millionen Götter der Inder, ich bin Ra, ich bin der Waldgott der Eingeborenen des Amazonas.
Wunder gibt es keine mehr, ich warte. Tod und Elend sind für mich Teil der Entwicklung, das geht vorüber. Ich lache und spotte über euch. Seit neuestem schickt ihr Raketen ins All. Wozu? Ihr wisst doch längst, dass ihr damit allerhöchstens bis zu irgendeinem toten Steinhaufen kommt. Alles darüber ist für eure jetzige Form nicht erreichbar. Einer eurer Schriftsteller, Asimov, schreibt von einem Generationenschiff, das die Menschen durch das All trägt. Vergesst es. Wenn ihr diesen Punkt erreicht habt, um ein solches Schiff zu bauen, dann wollt ihr das nicht mehr. Dann versteht ihr mich.
Doch das wird noch lange brauchen, inzwischen schlagt euch gegenseitig die Köpfe ein. Betet zu mir, in der Zeit macht ihr wenigstens keinen Unsinn.

Kemala

(Anmerkung: Die Geschichte ist frei erfunden, die darin vorkommenden Charaktere finden sich jedoch überall in den Tropen Süd- und Mittelamerikas auf ähnliche Weise)

Erst dachte ich: "Es muss eine Katze sein". Doch dann wurde mir klar, dass es etwas sehr, sehr böses war.

Vergangenheit

Der Ventilator bläst mir die warme Luft entgegen, die er aus der stets offen stehenden Haustüre ansaugt. Es ist neun Uhr morgens und schon jetzt treibt die Hitze den Schweiß aus den Poren. Seit nun fast sechs Jahren lebe ich auf dieser subtropischen Insel in der Karibik. Ein Leben mit Höhen und Tiefen, aber immer auch mit Sonne, Strand und Meer. Genau das, was ich mir immer wünschte. Kein Leben in Reichtum, aber es ist genug Geld da um Miete und Strom zu bezahlen und ab und an für ein paar Bier oder eine Flasche Rum genügt es ebenso. Was will ich mehr, das ist mein Rückzugsgebiet. Genug mitgemacht in den verschissenen fünf Jahrzehnten, die ich nun schon hinter mich brachte. Eine Menge Ecken dieser Erde kennen gelernt. Allerdings die eher unangenehmen Ecken. Zuerst in der Legion. Fünfzehn Jahre Afrika, Despoten beschützen und Despoten beseitigen. Manchmal ein paar Europäer davor bewahren, mit einem brennenden Reifen um den Hals durch die Straßen getrieben zu werden. Dann irgendwann der Abschied. Eine kleine Pension vom französischen Staat für 15 Jahre treue Dienste am Vaterland. Nicht wirklich mein Vaterland und auch nicht meine Heimat. Leute wie ich haben keine Heimat. Nach dem Abschied von der Legion und Afrika ging es zunächst auf den Balkan, als Söldner. Wer Uganda, Ruanda und Burkina Faso mitgemacht hat, den schreckt kaum noch was, auch nicht die Metzeleien im ehemaligen Jugoslawien. Irgendwann war auch das vorbei und zur Abwechslung probierte ich mich eine Zeit lang als Fahrer für eine Geldtransportfirma. Aus der Söldnerzeit hatte ich noch Rücklagen und mit den Ersparnissen aus dem Job bei der Sicherheitsfirma schaffte ich es, mir eine kleine Existenz auf dieser Insel aufzubauen. Die Erinnerungen waren und sind aber nach wie vor meine festen Begleiter, auch nachts. Keine freundlichen Begleiter.

Das Fieber

Vor etwa einem Jahr kam das Fieber. Zuerst nur schwach, anfänglich vermutete ich eine Erkältung. Dann aber wurde es stärker. Ich kann kaum noch aufstehen und bin wacklig wie ein 90-Jähriger. Eine Untersuchung beim Arzt, die mich ein kleines Vermögen kostete, brachte nicht wirklich etwas zu Tage. Dafür verschrieb mir der Medico Antibiotika, die so stark waren, dass sie mich vermutlich noch vor dem Fieber umgebracht hätten, weshalb ich den größten Teil der Tabletten im Klo versenkte. So dämmere ich die meiste Zeit auf dem Sofa dahin. Ab und zu schaut eine Nachbarin vorbei, die ich auch dafür bezahle, einmal in der Woche sauber zu machen. Die restliche Tages- und Nachtzeit bin ich jedoch alleine. Der Ventiltor vertreibt die Moskitos, nicht aber die Erinnerungen.

Von meinem Sofa aus, von dem ich mich nur mühsam erhebe, um ab und zu die Toilette aufzusuchen oder aus dem Kühlschrank etwas Trinkbares zu holen, kann ich einen ziemlichen Teil des Weges einsehen, an dem mein kleines Haus steht. Eine unbefestigte Straße aus festgestampftem Lehm, die in der Regenzeit manchmal zum reißenden Fluss wird. An den Rändern aufgereiht die armseligen Holzhütten mit dem obligatorischen Dach aus Zinkblech, die den Einwohnern des Ortes Schutz bieten. Schutz vor der Sonne, die einem das Gehirn verdampft, oder Schutz vor den sintflutartigen Regenfällen, die mitunter in sekundenschnelle losbrechen können. Der Weg wie auch die Strommasten mit ihren Kabeln führen ziemlich gerade auf den Wald zu und verlieren sich für die Augen in der dunklen Kühle der Bäume.

Der schwarze Fleck

Mit der untergehenden Sonne bricht die Dämmerung herein. In den Subtropen dauert diese Zeitspanne nicht lange. Innerhalb einer Stunde werden die Konturen langsam formlos und lösen sich auf, um mit den Schatten eine Einheit zu bilden und um letztlich zur Schwärze der Nacht zu werden. Undurchdringlich und nur von wenigen schwachen Lampen erhellt. Es war am Anfang einer dieser Dämmerungsstunden, an dem ich von meinem Sofa aus am Waldrand einen schwarzen Fleck bemerkte. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Fleck mich anstarrte. Natürlich konnte ich auf diese Entfernung nichts wirklich Greifbares erkennen. Es war nur ein relativ runder Fleck, schätzungsweise in der Größe einer Katze, von denen es hier reichlich gibt. Der Fleck, die Katze oder was auch immer starrte mich an, so glaubte ich zumindest, und ich starrte mit meinen fiebergetrübten Augen zurück, bis der Wald, die Erde und der Himmel eine übergangslose dunkle Wand wurden.

Meine Tage und Nächte verlaufen seit dem Ausbruch des Fiebers ziemlich gleich. Ich träume im Halbschlaf mit offenen Augen vor mich hin. Manchmal schlafe ich auch richtig, jedoch nie lange. Was es an Pflichten zu erledigen gibt, erledigt meine Nachbarin, die eine Vollmacht besitzt, um Geld für mich von der Bank in der nächstgelegenen Stadt abzuheben. Es sind gute Menschen hier, freundlich und unglaublich hilfsbereit. Anders als in der Hauptstadt, in der die Bevölkerung durch den Tourismus gelernt hat, dass es nur ein Ziel gibt und das ist Geld. Es ist den Einheimischen kaum zu verdenken, dass ihre Gier geweckt wird, wenn sie zusehen müssen, wie manch ein Tourist an der Theke einer der unzähligen Bars, Diskotheken und Nachtclubs an einem Abend mehr ausgibt, als sie im ganzen Monat verdienen. Wenn den Bedienungen Dollarscheine zwischen die hoch erhobenen Brüste geschoben werden, deren Gegenwert mehr ist, als ein Tagelöhner für zehn Stunden auf dem Bau bekommt. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung und so mancher Tourist fand sich schon mit aufgeschnittener Kehle und ausgeraubten Taschen in den Zuckerrohrfeldern wieder, die rund um die Stadt angelegt sind.

Die Kreolin

Hier auf dem Land bin ich weit weg von den Versuchungen und Gefahren der Großstadt. Ich brauche es auch nicht mehr. Was es dort an Vergnügungen gibt, kenne ich zur Genüge. Mit meinem elenden Fieber habe ich zudem nicht die geringste Lust, etwas zu unternehmen. Ich warte darauf, dass die Hitze den Körper verlässt. Das der Kopf wieder klar wird, während ich auf dem Sofa liege und die Straße hinunterschaue, auf den Waldrand. Drei Tage nachdem ich den Fleck zum ersten Mal bemerkt hatte, kam dieser wieder. An der gleichen Stelle wie zuvor und wieder hatte ich dieses unheimliche Gefühl, das er mich anstarrte, bis die Nacht ihn verschluckte. In den nachfolgenden Wochen tauchte der Fleck nun regelmäßig auf. Immer mit Abständen von zwei oder drei Tagen. Fast schon erwarte ich ihn wie einen alten Freund, jedoch ein Freund, mit dem sich etwas Schreckliches verbindet, das spürte ich.

Zweimal in der Woche kommt eine Kreolin vorbei, die auf ihrem Kopf eine Plastikschüssel voll mit Obst und Gemüse balanciert. Das verkauft sie an die Menschen hier im Dorf. Kochbananen, Yuca-Wurzeln, Paprika, Chinola, Avocado und Tomaten stellen die übliche Auswahl ihres Angebots dar. Auch bei mir klopft sie regelmäßig an. Sie tritt ein und stellt den Plastikkorb vor meinem Sofa auf dem Boden ab. Ich wähle meist ein paar Tomaten und einige Chinola aus und bezahle üblicherweise ein bisschen mehr als die Einheimischen. Das ist kein Problem, zudem unterhalte ich mich gerne mit der Frau. Dabei sind die paar Brocken Kreol ganz hilfreich, die ich während einer lange Jahre zurückliegenden Beziehung aufschnappte. Wir plaudern einfach ein bisschen, meist über die Hitze, manchmal über die Hauptstadt und einmal habe ich ihr auch von dem Fleck erzählt, der mich anstarrt und so magisch anzieht. Während ich darüber rede, schaut sie mich an und das freundliche Lächeln in ihren Augen und den Mundwinkeln verschwindet langsam. Sie hebt ihre Schüssel auf und dreht sich dem Ausgang zu, wobei sie ein Wort murmelt, das ich da zum ersten Mal hörte, dann aber in der Folge immer wieder. Ein Wort, das für mich eine schreckliche Bedeutung bekommen sollte: Kemala.

Die Legende

Mein Fieber geht nicht zurück. Es bleibt genauso wie der Fleck am Waldrand, der nun täglich in der Abenddämmerung zu erkennen ist. Vor einer Woche war um diese Tageszeit meine Nachbarin hier, um mir das Geld zu bringen, das sie von der Bank geholt hat. Ich versuche, sie auf den komischen Fleck aufmerksam zu machen und frage, ob dies eine Katze sein könnte. Sie starrt angestrengt in die Richtung, die ich ihr mit dem ausgestreckten Arm weise, aber sie kann keinen schwarzen Fleck sehen.
Die Kreolin kommt nach wie vor, um ihr Obst und Gemüse zu verkaufen, doch unsere Unterhaltungen verlaufen nicht mehr so angenehm leicht, wie bis zu dem Moment, als ich den Fleck erwähnte. Die dunkle Frau sieht mich nun jedes Mal irgendwie forschend an, als wenn sie etwas in meinem Gesicht suchen würde. Ich frage sie nach dem Wort Kemala und was das heißen soll? „Nichts von Bedeutung“ weicht sie aus und verlässt mich.

Auch wenn ich im Fieber liege, beschäftigt mich die Frage, was es mit Kemala auf sich hat. Wenn die Kreolin schon nicht antworten will, so weiß es vielleicht Okleide, ein hier im Dorf lebender Kreole, der als Tagelöhner alles macht, was ihm aufgetragen wird. Als ich ihn den Dorfweg entlang gehen sehe, immer die Machete in der rechten Hand, winke ich ihn heran. Mein Angebot eines eiskalten Bieres aus dem Kühlschrank lehnt er nicht ab und setzt sich auf einen Holzstuhl, um einen langen Zug aus der Flasche zu nehmen. Dann stelle ich auch ihm die Frage nach Kemala. Der Kreole, dessen Name in zwei Silben ausgesprochen wird, Okle-ide, lehnt sich zurück und sieht mich fast genauso an wie in der letzten Zeit die Kreolin. Dann beginnt er zu erzählen:

„Es gibt eine Geschichte unter uns Kreolen, die so alt ist wie die ersten Sklaven, die von Afrika hierher auf die Insel verschleppt wurden. Wenn ein Mensch in seinem Leben zu viel Böses auf seine Seele geladen hat, kommt er oder sie nicht einfach in die Hölle. Er muss weiterhin auf der Erde bleiben und mithelfen, das andere Böse zu holen. Aber er wird nicht etwa zum Zombie, das ist alles Gerede. Nein, sein Körper stirbt, wird beerdigt und vergeht. Seine Seele aber, seine elende schwarze Seele bleibt und sammelt weitere schwarze Seelen ein. Denn das Böse erkennt sich am besten untereinander. Es lässt sich nicht durch eine freundliche Fassade täuschen. Kemala ist übrigens nur eine Vereinfachung von „que es malo“ etwas Schlechtes. Solche und ähnliche Legenden gibt es in unserem Volk haufenweise, die einen glauben daran, die anderen nicht.“

Der Weg

Damit endete die Geschichte des Kreolen, der nebenher sein Bier getrunken hatte und sich nun erhebt. "Manche Menschen erkennen Kemala, bevor es sie erwischt", sagt Okleide noch in meine Richtung, ohne mich anzusehen. "Vor allem diejenigen, deren Schuld sehr, sehr groß ist". Dann geht er zur Tür hinaus.
Da liege ich nun, und fiebre vor mich hin und versuche abzuschätzen, wie groß meine Schuld ist. Wirklich so groß, das ich meinen „Abholer“ erkenne? Wann holt er mich dann? Innerlich möchte ich über mich selbst lachen, weil ich das Geschwätz des alten Kreolen ernst nehme, aber irgendwie will es nicht gelingen, das Lachen.
Ich bekomme Angst, Angst zu sterben in diesem Dorf der freundlichen Menschen und des unheimlichen Flecks am Waldesrand. Der Gedanke an den Tod ist mir nicht fremd. Ich selbst habe ihn hundertfach gesehen und auch dutzendweise selbst verursacht. Ich bin Soldat, es ist mein Beruf, andere Menschen zu töten und wenn es einmal keine Soldaten sind, haben die Strategen den Begriff Kolateralschaden erfunden, so einfach ist das. Aber auch ich klammere mich an das bisschen Leben in mir und will mich nicht so einfach holen lassen. Alles Quatsch, dieses Kemala und der schwarze Fleck.

Trotz meines Fiebers entschließe ich mich, am nächsten Tag in die Hauptstadt zu fahren und dort in die Klinik zu gehen, auch wenn es teuer wird. Ich habe nun lange genug gewartet. Zuerst bringt mich ein Motorradtaxi in den nächst größeren Ort, während ich mich schwankend an den Fahrer klammere. Dann geht es weiter in brechend vollen Sammeltaxis, bis nach 5 Stunden Fahrt die Hauptstadt erreicht ist. Ich fühle mich schon besser. Stadtluft tut mir gut. Nach der langen Fahrt habe ich zudem höllischen Durst. Es ist bereits später Nachmittag und bevor ich mich zur Klinik begebe, will ich irgendwo noch ein oder zwei Bier kippen. Eine dunkle Kneipe ist genau der richtige Ort dafür und als ich die Tür aufstoße, fällt das Sonnenlicht auf eine lange Theke, an der zwei Leute herumlungern. Hinter der Bar steht ein Mann mit Schürze, der gerade eine Flasche öffnet. Ich schiebe mich auf einen der Barhocker und lasse mir ein eiskaltes Bier bringen. Einer der Männer dreht sich zu mir. Ein pechschwarzer Kreole mit einer kunstvoll zurechtgestutzten Frisur und einer Goldkette um den Hals. Wir beginnen ein Gespräch, das wie immer damit beginnt, dass sich jeder über die Hitze beklagt. Ich erzähle, dass ich hier bin, um mein Fieber in der Klinik behandeln zu lassen. Irgendwann komme ich auch auf die Geschichte mit dem schwarzen Fleck zu sprechen. Ja, sagt der Schwarze, er kennt die Legende um Kemala, aber er denkt, dass mir nicht alles erzählt wurde darüber. Bevor ich mir aber erklären lasse, was denn noch an der Legende fehlt, treibt mich das Bier auf die Toilette, die sich im hinteren Teil der Kneipe befindet.

Zufrieden lasse ich den Strahl in das Urinal plätschern, als ich den Schatten hinter mir bemerke, aber zu spät. Der große Schwarze von der Theke umklammert mich und hält mir sein Messer an den Hals. „Kemala“, so flüstert er mir ins Ohr, „holt nicht einfach das Böse. Er holt zuerst das Böse weg vom Friedlichen, um es als Böses unter Bösem heimzuholen. Ein böser Geist darf nicht an einem friedlichen Ort sterben. Kemala hat Dir den Weg gewiesen. Den Weg zu mir“. Doch das nehme ich kaum noch wahr, denn die Klinge zerschneidet mühelos meine Halsschlagader und das warme Blut fliest an meinem Körper hinab, während flinke Finger das Geld für die Klinik aus meiner Jackentasche holen.

Hubba Baba

 New Orleans, die Perle des amerikanischen Südens. Oder eine davon. Auf jeden Fall eine Touristenfalle, und Touristenfallen sind wichtig für mich. Ich hatte mich am Jakson Square eingerichtet. Tagsüber liefen hier ne Menge Touristen rum und ich machte ein paar Dollar. Um den Jakson Square gab es viele Straßenkünstler. Jongleure und Musiker mit teilweise wirklich guten Shows und natürlich Maler und Karikaturisten wie mich. Aber die absoluten Kings of Comedy waren die Wahrsager. Die meisten lasen den Leuten aus Tarotkarten die Zukunft und verdienten nicht schlecht dabei, auf jeden Fall besser als ich oder die anderen. Vielleicht machte ab und zu einer der Artistengruppen nach einer wirklich guten Show etwas mehr Geld, aber die traten meist nur am Wochenende auf und mussten das Geld, das Sie von den Touristen einsammelten, untereinander Teilen. Nein, die wahren Geldverdiener waren die Wahrsager.

Ihre Ausrüstung bestand aus drei Klappstühlen, einem Klapptisch und einem Sonnenschirm. Über den Klapptisch kam ein buntes Tuch aus glänzendem Stoff und darauf die Tarotkarten und ein bisschen Klimbim wie große Glaskugeln, Muscheln und Würfel. Sie begannen ihr Tagwerk nicht vor 11 Uhr morgens. Ich übrigens auch nicht. Der überwiegende Teil der Wahrsager waren Frauen. Meist aus einer Zigeunersippe. Die fuhren mit ihrem alten Cadillac vor, die Männer bauten die Tische und Stühle auf und verschwanden nachher wieder. Die Frauen saßen dann da, in bunten Fähnchen und mit viel Lamee behangen und warteten auf Kundschaft. Die besten Kunden waren Frauen, noch besser Frauen mit einem Mann im Schlepptau. Junge Ehepaare und frisch verliebte sind die idealen Kunden für den Blick in die Zukunft. Es gab auch zwei-drei männliche Wahrsager und einer davon war Hubba Baba.

Meine erste Begegnung mit ihm begann damit, das ich mich an meinem Platz eingerichtet hatte, als ein alter Farbiger mit einem Sackkarren neben mir auftauchte. In aller Ruhe baute der alte Mann das übliche Zubehör für Wahrsager auf. Als er damit fertig war setzte er sich auf die Mauer, die den Park einschloss, der zu Ehren von General Jakson inklusive Reiterstandbild den Mittelpunkt des Jakson Square bildete. Ich blickte etwas irritiert zu dem alten Mann und dann wieder zu dem Tisch und den Klappstühlen. Die Sackkarre diente als Stütze für den Sonnenschirm. Doch schien der Farbige nicht der Wahrsager zu sein, sondern lediglich ein Helfer. Nach etwa einer Stunde erschien dann ein wahrer Koloss von Mann. Hubba Baba war etwa 180 cm groß und unwahrscheinlich Fett. Ich schätzte ihn auf gute 190 bis 200 kilo. Er war so fett, das er sich nur mit Hilfe einer Krücke fortbewegte. Ächzend lies er sich in den Klappstuhl sinken, der das erstaunlicherweise aushielt. Aus einer mitgebrachten Tasche holte er einen pinkfarbenen Poncho mit goldenen Fransen und stülpte ihn sich über den Kopf. Der Poncho verdeckte den größten Teil des schmutzigen Hemdes und der speckigen Hose und als Krönung kramte er aus der Tasche eine Art Turban, auch in Pink und mit einem großen grünen Strassstein verziert. Derart ausstaffiert nahm er seine Tarotkarten zur Hand und begann Sie zu legen. Wenn Touristen vorbeiliefen, die nach Kundschaft aussahen, lockte er sie mit so einer art Happy-Hour-Spruch und hatte nicht wenig Erfolg damit. Seine ganze Erscheinung war jetzt bei flüchtigem Hinsehen fast schon imponierend. Ein pinkfarbener Berg auf einem kleinen Klappstuhl.


Hubba Baba erzählte seiner Kundschaft natürlich den gleichen Mist wie die anderen, aber er verpackte seine Storys mit, na sagen wir mal mehr Stil. Er verfuhr nach der Methode „Zuckerbrot und Peitsche“ und wickelte damit sogar die von den Frauen mitgeschleppten Männer ein. Da mein „Geschäft“ lange nicht so gut ging, hatte ich genügend Zeit, die Wahrsagungen von Hubba Baba mit zu hören. Im Grunde konnte es jeder und die Tarotkarten machte die Sache noch leichter. Da jeder Karte eine bestimmte Symbolik zugeordnet war, musste man nur die Geschichten und Bedeutungen der einzelnen Karten kennen und ein bisschen Menschenkenntnis haben. Der Rest war Verpackung. Hubba Baba war, wie ich feststellen konnte, ein guter Menschenkenner. Ich fragte mich, wie er auf diesen Namen kam, den er oder sein Helfer auf ein großes Pappschild gemalt hatt und das nun als Reklame an einer Seite des Klapptisches festgemacht war.


Hubba Baba, ausgesprochen Habba baba. Ich denke, man muss eine verdammt lange Zeit auf irgendeinem Bett in irgendeinem Zimmer in irgendeiner schwülheißen Stadt gelegen haben, um auf so einen Namen zu kommen. Ich hatte keine Ahnung , wie dieser pinkfarbene Prophet wirklich hieß, aber es war auch egal. Hubba Baba beendete seine Sitzung nach etwa 4 Stunden. Schnaubend wand er sich aus dem Klappstuhl, verstaute sein Kostüm in der Tasche, gab dem Neger noch ein paar Anweisungen und 5 Dollar und zog dann, auf seiner Krücke das ungeheure Gewicht ausbalancierend, davon. Der Alte klemmte die Utensilien wieder auf der Sackkarre fest und verschwand in Richtung French Market. Auch ich machte nicht mehr allzu lange, es war, glaube ich, ein Dienstag und damit eh nicht viel los.

Ich investierte etwa 6 Dollar in die Zutaten für ein Riesensandwich. Damit und mit meiner Ausrüstung zog ich zum Mississippi-Ufer, das nur durch eine Straße und eine Bahnlinie vom Jakson Square getrennt war. Hier lagen die Schaufelraddampfer für die Touristen. Einer von den Kähnen hatte eine Dampforgel auf seinem Oberdeck und immer bevor er ablegte, wurden auf der Orgel ein paar typische Südstaatenvolksmelodien gespielt. Wenn man das ein-zwei-oder dreimal hört, ist das ja okay, doch ich hörte immer das selbe ungefähr 8-9 mal jeden verdammten Tag, denn diese Orgel war weit bis ins French Quarter zu hören.


Der Mississisippi ist schon ein mächtiger Fluss. Breit und Träge zieht er hier in New Orleans in Richtung Mexikanischen Golf. Ich sitze auf einer Bank, mache mir mein Sandwich zurecht und schaue den Containerschiffen zu, die vom Meer kommend den Fluss hochfahren, um ihre Ladung hier los zu werden. Nach dem Sandwich mache ich mich auf den Weg zu meinem Schlafplatz, nicht ohne meine Utensilien vorher zu verstecken. Mein Bett ist im Moment ein trockener, Moskitofreier Platz unter einer Highway-Brücke in South-West, nicht weit vom neuen Convention-Center. Es ist ein bischen Laut, aber man gewöhnt sich dran.


Am nächsten Tag bummelte ich den ganzen Vormittag durchs French Quarter. In der Bourbon-Street waren die Jungs von der Stadtreinigung voll damit beschäftigt den Müll der gestrigen Party weg zu räumen. Irgendwann wurde es so etwa 13 Uhr und ich holte mein Zeug aus dem Versteck, trabte damit zu meinem Platz und lies mich nieder, auf gute Geschäfte.
Ich zeichnete gerade eine fette Amerikanerin, als neben mir Hubba Baba und sein Faktotum auftauchten. Der alte Neger baute wieder auf und Baba zwängte sich in den Klappstuhl. Nachdem ich mit meiner Kundin fertig war, hatte weder Baba noch ich was zu tun und wir kamen ins Gespräch. Ich fragte Baba, ob er an das Zeug glaube, das er da verzapfe. Baba sah mich einen Moment lang an. Seine kleinen Augen inmitten der Fettwülste strahlten Ruhe und Gleichgültigkeit aus. Die dicken Finger seiner Hände spielten mit den Tarotkarten. „Weist du“, fragte er mich“ was Glaube ist ?“ und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort“ es ist nicht mal so wichtig, an irgend etwas zu glauben, auf jeden Fall nicht für mich. Auch die meisten der Leute, die zu mir kommen, glauben nicht daran. Es ist einfach nur die Neugier, ob da einer etwas wissen könnte, was ich nicht weiß“. Da ist was dran, denk ich mir. Neugierde ist ein Wesenszug, dem der Mensch ne Menge zu verdanken hat, aber genau so viel Ärger bringt es ein, zu neugierig zu sein. Nun, ich glaube nicht, das Hubba Baba je irgendeinem geschadet hat mit dem was er so an Zukunftsprognosen mitzuteilen hatte und die paar Dollar dafür waren und sind der Spaß allemal wert. Inzwischen hatte Baba meine Hand gepackt und betrachtete nachdenklich die Linien meiner linken Innenhand. Dann begann er mir zu erzählen . Er klärte mich über mein Wesen auf und riet mir zum Schluss, schnellstmöglich reich zu Heiraten, da künstlerischer Ruhm lange auf sich warten lassen könne. Wobei ich nichts gegen Reichtum habe, nur das Heiraten störte und stört mich noch immer. Ich dankte Baba für seinen Rat, der natürlich kostenlos war unter Kollegen
und widmete mich meiner neuen Kundschaft, einem dänischen Touristen. Baba blieb noch etwa 1 Stunde, dann zog er wieder von dannen.


Die nächsten Tage tauchte Baba nicht auf, was bei Straßenkünstlern nichts Besonderes ist, da wir nicht an Ladenöffnungszeiten gebunden sind.
Eigentlich bin ich ein ziemlicher Ignorant, was das Pflegen von Bekanntschaften anbelangt. Ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, die seiner Bekanntschaft durch ständige Besuche auf die Nerven fällt.
Eher nebenher fragte ich so nach einer Woche die anderen am Square, ob Sie was von Baba gehört hätten. Alle verneinten und ich ließ es erst mal gut sein.
Noch eine Woche später lief mir der alte Farbige über den Weg, der Baba`s Sachen aufbaute.
Ich fragte ihn nach Baba und der alte Mann erzählte mir in seinem breiten Südstaatendialekt, der in etwa dem bayrischen im deutschen entspricht, was von einer Erkrankung.
Ich lockte ihm noch die Adresse raus und lies ihn dann ziehen. Baba`s Bude lag im Norden, direkt hinter dem Friedhof. Das Haus war einer der neueren amerikanischen Rigips-Bauten mit drei Stockwerken und war schon recht heruntergekommen. Die alten Häuser aus der französischen Kolonialzeit sahen schöner aus und hielten ungefähr zweihundert Jahre länger als die Schnellbauweise der Amis.


Baba`s Wohnung befand sich im zweiten Stock. Ich klopfte an die Tür, deren Nummer ich von dem Farbigen wusste, und hörte nach ein paar Sekunden das Knarren und Quietschen eines Bettgestells. Baba rief herein und ich öffnete die Tür. Die Wohnung bestand aus einem großen Raum mit angeschlossener Küchenzeile sowie einem Badezimmer mit Toilette.
An der Wand gegenüber der Küche lag Baba auf einem großen alten Bett mit schmiedeeisernem Kopf- u. Fußteil. Auf dem einzigen Tisch, auf den zwei Stühlen und auf allem anderen lagen Zeitschriften, leere Bierdosen, Verpackungen und was sich sonst so ansammelt, wenn man den „großen“ Mülleimer benutzt.
Ich lavierte durch diverse Ansammlungen von Zivilisationsresten zu dem Berg, der sich unter der zerschlissenen Bettdecke abzeichnete.
Baba blinzelte aus seinem Kissen zu mir herauf. Seine Augen waren entzündet und Er kam mir etwas abgemagert vor, obwohl das nicht wirklich feststellbar war.
„Was ist los, Hubba. Hab gehört, du bist krank? “
„Yeah, muss was mit`m Magen sein oder so.“
„ Kann ich was für dich tun? “
„ Hast du Geld? “
„ Nein “
„ Dann vergiss es “
Das war so ziemlich unsere gesamte Konversation und ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt wusste, wer ich war. Ich verzog mich auch bald wieder und setzte mich für eine Weile auf eine Bank an der Anlegestelle der Dampfer.
Baba hatte weder Geld für`n Arzt noch für Medikamente, geschweige denn eine Krankenversicherung. Das Sozialamt zahlte zwar in Notfällen eine Behandlung, aber meist kam man in die Finger von einem sehr frischen Assistenzarzt und war dann so eine Art Versuchskaninchen.
Ist schon hart, manchmal – so ein Künstlerleben.
Hubba Baba tauchte eine Woche später wieder auf. Er sah zwar noch etwas angeschlagen aus, aber er hatte seine Sprüche nicht verlernt.
Alles Glückssache.

Irre am Pazifik

Ich trinke Kaffee in einem kleinen Coffee-Shop. Mir gegenüber sitzt eine alte Frau, auch Sie trinkt Kaffee. Auf einmal nimmt Sie aus ihrer Tasche ein Stück Papier, reißt davon einen kleinen Fetzen ab und holt aus der selben Tasche zwei Streichholzheftchen.
Sie zündet ein Streichholz dicht über ihrem Kaffeebecher an und lässt das Streichholz in den Kaffee fallen, mit voller Absicht. Dann wickelt Sie ein anderes, neues Streichholz in den Fetzen Papier und schiebt sich das Ganze in den Mund.
Sie kaut mit den paar Zähnen, die Sie noch hat, auf dem eingewickeltem Streichholz herum, nimmt zwischendurch kleine Schlucke Kaffe und ist nach wenigen Minuten sichtlich zufriedener und gelöster als vorher. Muss ne Art Droge sein?
Ich spreche sie darauf an, aber sie reagiert nicht. Kurz darauf geht sie.
Ich breche auch auf. Es ist jetzt Sieben Uhr Morgens und der Himmel reißt auf, Hoffentlich.
Nach einigem Warten auf Sonnenschein, der sich nun doch nicht einstellt, gehe ich noch mal Kaffee trinken.
Diesmal in einem mexikanischen Schnellrestaurant am Broadway. Nicht in New York – in San Diego.
In jeder Großstadt trifft man ein gewisses Quantum an Irren. Das ist nicht böse gemeint. Die Stadt produziert sozusagen als Abfallprodukt die Menschen, die die Hektik, die Isolation, den schnellen Schlag der Stadt nicht verkraften.
So einer sitzt gerade einen Tisch weiter. Ein Chicano, rote Trainingshose, alte Turnschuhe, die Socken über die Hosenbeine gestülpt, kariertes Hemd, sitzt alleine da und lächelt und lacht mit sich alleine. Dann geht Er, doch sein Nachfolger am Tisch hat auch seine Probleme. Um die Fünzig, der Kleidung nach zu irgendeiner Wachmannschaft gehörend, verzehrt er sein Frühstück, wobei er zuerst 6 kleine Portionsbecher Kaffeesahne austrinkt. Den Kaffe selbst trinkt er schwarz. Dann spricht er leise mit sich selbst. Diskutiert mit einem imaginären Gesprächspartner.
Aber was rede ich von Irren in San Diego. Bin ich nicht selbst der größte Irre. Fliege mit Fünfzig Mark in der Tasche nach Los Angeles, immer auf der Suche nach dem Ende des Regenbogens.
Nächsten Monat werde ich 37 und ich habe einen Rucksack mit ein paar Klamotten, eine Schachtel mit Kohle- und Kreidestiften sowie einen DIN A3-Skizzenblock, mein wertvollster Besitz.
 

Es ist jetzt 8 Uhr und wenn ich es richtig einschätze, wird das mit dem Wetter Heute nichts mehr. Ich mache mich wieder auf den Weg und laufe zum Seaport Village, suche die dortige öffentliche Toilette auf und mache eine längere Sitzung.
Dann laufe ich ziellos in der Stadt rum und setze mich um 12 Uhr wieder an meinen „Arbeitsplatz“. Eine Wiese am Rand eines Fußgängerweges im Seaport, an der bei schönem Wetter ne Menge Touristen vorbeilaufen. Bei schönem Wetter.
Ein kalter Wind weht vom Pazifik her und es ist alles andere als gemütlich. Nach zwei Stunden breche ich ab und gehe wieder in die Stadt, zeichne auf Gut Glück Leute auf der Strasse und zeige Ihnen mein Werk, aber ohne Erfolg. Entweder haben Sie nichts, oder Sie wollen nicht. Um 4 hocke ich wieder im Seaport und mache bis um halbsechs doch noch 16 Dollar.
 

Ich packe zusammen und mache mich auf zur Greyhound-Station, frage nach dem Preis für die Fahrt nach El Centro, ein kleines Kaff mitten in der Wüste auf dem Weg nach Tucson, Arizona.
17 Dollar war die Antwort und damit hatte sich entschieden, das ich noch ein bisschen blieb und mindestens noch eine Nacht und einen Tag San Diego mit meine Anwesenheit beehrte.
Seit zwei Monaten war ich nun hier, in der Stadt in der es laut Reiseführer so gut wie nie regnet und ich hatte schon mehr Regen erwischt als im Oktober in Berlin. Es geht mir alles auf den Geist.
Es wird langsam Dunkel. Ich wandere durchs Gaslicht-Quartier, eine auf Alt getrimmte Touristenfalle mit teuren Bars und Lokalen. Dann halte ich mich Richtung Osten und komme bald in ein Gebiet, das meinen Einkommensverhältnissen entspricht. Ich kaufe mir in einem Shop eine billige Flasche Wein.
Inzwischen ist es Nacht und ich finde unter dem Vordach eines Antiquitätengeschäfts einen trockenen Platz zum Schlafen. Ich bleibe nicht lange allein, bald gesellt sich ein obdachloser Farbiger hinzu. Ich kann mich nicht erinnern, ob er mir seinen Namen nannte, aber man stellt sich eh selten gegenseitig vor auf der Strasse. Wir tranken zusammen die Flasche Wein aus und Er, nennen wir ihn George, erzählte von einem Bombengeschäft, das Er in Aussicht habe und das ihn über Nacht in die oberen Zehntausend von San Diego katapultieren sollte.
Yeah George, stimmte ich ihm zu, das wird schon klappen und George, der eindeutig keinen Wein vertrug, erzählte von seinem unaufhaltsamen Aufstieg.
Ich lag lang ausgestreckt auf meinem Schlafsack und lies mich von George Geplapper einlullen und dämmerte langsam in den Schlaf.
 

Irgendwann in der Nacht wache ich auf. George kotzt sich gerade die Seele aus dem Leib. Immerhin tat Er das in ein paar Meter Abstand, so das mein Schlafzimmer nicht gefährdet war.
Zu meiner Linken hatte sich im Laufe der Nacht noch ein Schlafgast eingefunden, der sich durch das Gekotze in seinem Schlaf nicht stören lies.
Ich rolle mein Hab und Gut zusammen und mache mich auf in Richtung Pazifik.
So nach einer Stunde bin ich wieder am Pier von San Diego und setze mich auf eine Bank vor dem Segelschiff, das als schwimmendes Museum dort festgemacht ist. Es ist immer noch Dunkel, aber der Himmel ist jetzt klar und über der Skyline der Stadt steht ein riesengroßer Vollmond und ich sauge die Lichter der Hochhäuser, das Schimmern des Mondes, das Rauschen des Ozean und die Geräusche und Gerüche der Stadt, die der Wind mit sich trägt, in mich auf und denke mir „ Scheiße, das ist es Wert“.

Indianernacht

 Ich arbeitete bereits seit zwei Wochen auf der Baustelle im Norden von Phönix. Mein Job bestand darin, Rigips-Platten zuzuschneiden und an die Blechrahmen zu schrauben, auf das daraus mal Innen-Wände wurden für ein Krankenhaus. Zu Anfang bekamen alle aus unserer Truppe ein Walkie-Talkie, mit dem wir je nach Bedarf zu anderen Stellen im Krankenhaus gerufen werden konnten. Der Job war OK, unser Chef lies uns in Ruhe, solange kein Mist gebaut wurde. Unser Vorarbeiter war ein Navayo, so um die Fünfzig und wie die meisten Indianer, die ich kennenlernte, ein absolut gutmütiger Typ.
 

Nach Feierabend fuhren wir, Jo-der Indianer, Bob, Steve und ich in Steve`s altem Lincoln zu unserem Büro um die täglichen Lohnschecks abzuholen, die wir fünfzig Meter weiter in dem Gemischtwarenladen in Bargeld umtauschten. Natürlich mit nem Abschlag, aber so ist das, wenn du kein Bankkonto und ein abgelaufenes Visum hast.
 

Jo genehmigte sich immer gleich einen Sechser-Pack eiskaltes Coors, nicht das schlechteste Bier das die Ami`s haben. Ab und zu trank ich ein oder zwei Büchsen mit. Dann saßen wir vor dem Laden auf ner Bank und starrten auf die Wüste hinaus, hier so ziemlich am Ende der Washington Avenue und Jo erzählte mir von seiner Familie, was mich persönlich wenig interessierte, aber er war ein netter Kerl.
So nach einer Stunde machte ich mich gewöhnlich auf den Weg in die Stadt zu meiner Unterkunft. Der Bus brachte mich bis auf zweihundert Meter an mein Ziel und ich nahm in aller Regel erst mal eine Dusche, wenn eine von den etwas saubereren gerade frei war, wenn nicht, verschob ich’s auf irgendwann in der Nacht. Wenn die Nutten und Junkies, die überwiegend das Hotel bewohnten, unterwegs waren. Diesen Abend war eine frei und ich wusch mir ausgiebig den Gipsstaub vom Körper. 

Ich hatte diesen Abend so um die vierzig Dollar in der Tasche, der Verschlag, der sich Hotelzimmer nannte, war für eine Woche im Voraus bezahlt und weiterziehen Richtung mexikanischer Golf wollte ich  doch erst so in ein paar Wochen. obwohl ich eigentlich früher aufbrechen wollte, da ich aus dem letzten Hotel rausgeflogen bin. Irgendein Problem mit ner Dusche (siehe: Unterhaltung mit einem Beatlesfan).
 

Also erst mal nach nebenan ins Mc-Donalds und zwei Hamburger mit Pommes reingeschoben und eine Cola, die zur Hälfte aus Eiswürfeln bestand, zum runterspülen. Zuerst dachte ich – He Erwin- fahr mit dem Bus zu dem Einkaufscenter im Süden und kauf dir endlich ein neues Paar Turnschuhe, aber den Gedanken lies ich nach kurzem Nachdenken wieder fahren. Es war jetzt sieben Uhr abends und das Thermometer in der Lobby des Hotel zeigte immer noch 35 Grad an. Trockene Wüstenhitze, okay, aber trotzdem heiß.
 

Also verzog ich mich lieber zu Aurora. Aurora war die Chefin einer verdammt dunklen Kneipe in der Nähe. Es gab nicht ein einziges Fenster und wenn du aus der Sonne in die Kneipe kamst, brauchtest du so etwa fünf Minuten, bist du erste Umrisse erkanntest. Der Laden bestand aus einer langen Theke, fünf Tischen mit Bänken und einer Musik-box und war so erbärmlich beleuchtet, das man gerade mal sein Kleingeld in der Tasche erkannte, aber nicht nachzählen konnte. Aber das war gut so. Tagsüber ist Arizona ein verdammt greller Staat, manchmal einfach zu grell und dann ging man zu Aurora.
Ich hockte mich an die Theke neben einen Jungen Burschen, der gerade ein Lied in der Musik-Box gewählt hatte und nun wieder an seinem Bier nuckelte.
 

Auch ich lies mir ein Budweiser geben und gleich ein zweites hinterher. Beim dritten machte ich dann etwas langsamer. Der Typ neben mir machte ne Bemerkung über meinen Durst, nichts unfreundliches und schon hatte ich wieder einen an der Backe, der mir seine Lebensgeschichte erzählte. Irgendwas von „ Ich will gerne Fernfahrer werden, aber ich habs noch nicht mal bis zum Meer geschafft……..“ Ich lies ihn reden, nickte ab und zu oder lies ein „ Yeah“ hören.
Am Ende der Theke saß ein Indianerpärchen, beide brachten zusammen locker zweihundert Kilo auf die Waage, wobei es gerecht aufgeteilt war. Ansonsten war der Laden leer.
Ich musste Pinkeln und zwängte mich an der Theke vorbei in den hinteren Teil der Kneipe, wo die Toilette zu finden war. Dabei kam ich auch zu den beiden Indianern und sah mir die zwei genauer an, der Mann konnte gut und gerne der Vater von Ihr sein, was, wie sich später herausstellte, auch so war. Im Vorbeigehen streifte ich das Mädchen, die sich umgedreht hatte, und ihre großen Titten rieben über meinen Bauch, nicht schlecht. Ihre Pausbacken verzogen sich zu einem Lächeln und ich grinste zurück.
Dann verzog ich mich Richtung Klo.
 

Als ich wieder zurückkam, hockte ich mich auf den freien Hocker neben dem Mädchen und lies meinen „Möchtegern-Fernfahrer“ mit sich allein.
Ich bestellte für das Mädchen und ihren Vater zwei Bier und sofort übernahm der Vater das Reden, wobei er sich eben als Vater von Ihr vorstellte und sie nicht schlecht anpries. Der Alte wollte schlichtweg seine Tochter verkuppeln. Das Mädchen, sie muss so um die Zwanzig gewesen sein, hockte nur da und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Ich bestellte noch drei Bier
Und der Alte kam richtig in Fahrt, erzählte von den Koch- und Nähkünsten seiner Tochter und was Sie sonst noch alles konnte. Das Mädchen wurde nun auch langsam wärmer und unsere beiden Barhocker rutschten wie von Zauberhand immer näher zusammen. Wobei ich wie zufällig ab und zu meine Hand über ihren Rücken wandern lies.
Der Alte redete immer noch. Meine Güte, der suchte ernsthaft einen Mann für Sie und das hier bei Aurora. Ich stimmte ihm in allem zu, schon deshalb, weil ich bereits beim sechsten Bier angekommen war, meine Hand sich dauerhaft auf ihrer linken Arschbacke etabliert hatte und Sie ihrerseits bereits eine Hand auf meinem Schenkel hatte.
Irgendwie hatte der Alte mitbekommen, das ich Deutscher bin und dachte wohl an die uns angeblich auszeichnenden Tugenden, auf jeden Fall verabschiedete Er sich so nach zwei Stunden und lies uns allein.
 

Ich erzählte der Kleinen ein bisschen von Deutschland und von Schnee, das kam in Arizona immer gut. Auf jeden Fall wusste Sie zum Glück, was Sache war. Wir machten uns eine halbe Stunde nach ihrem Vater auf in Richtung Hotel.
Der Nachtportier schaute nur kurz auf, als ich mit dem Mädchen die Treppe zu meinem Zimmer raufging. Wir zwängten uns in den Verschlag und machten das wir aus unseren Sachen kamen, was in der Enge und der beiderseitigen Körperfülle nicht einfach war.
Aber schließlich landeten wir auf der Matratze, die zum Glück nur einen einfachen Rahmen hatte und keine Beine, die allein unser Aufsetzen auf dem Bett nicht überlebt hätten.
Es war weder für Sie noch für mich eine berauschende Nacht, aber wann ist es das schon. Es war OK.
Am nächsten Morgen musste ich früh raus und ich gab ihr noch ein paar Dollar. Im Gegensatz zu ihrem Vater wusste die Kleine Bescheid. Ich hab Sie nicht mehr gesehen.

2020 – wie ich Corona erlebte

 Bis zum 5. April 2020 war der Coronavirus für mich persönlich zwar allzeit in den Medien präsent und im Alltag durch die Schutz-Maßnahmen, ...